Symbolbild
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Wie bereitet man Rettungskräfte psychisch auf Szenarien vor, die bislang als undenkbar galten? Diese Frage stand im Zentrum des zwölften Symposiums „Hilfe für Helferinnen und Helfer“, das am 7. Mai in Fulda stattfand. Organisiert vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) und dem Deutschen Feuerwehrverband (DFV), rückte die Tagung diesmal die psychosoziale Notfallversorgung von Einsatzkräften in Zivilschutzlagen in den Fokus – und holte dafür auch Stimmen aus einem Land an den Tisch, in dem solche Lagen bittere Realität sind: der Ukraine.

Die Fachleute in Fulda beschäftigten sich mit einer Kernfrage, die angesichts veränderter Bedrohungslagen drängender wird: Was unterscheidet den Zivilschutzfall von einer klassischen Großschadenslage, und welche Lehren lassen sich aus bisherigen Erfahrungen ziehen? In den Vorträgen und Diskussionen kristallisierte sich heraus, dass vor allem die unbestimmte Dauer solcher Lagen und die Gleichzeitigkeit zahlreicher Ereignisse Einsatzkräfte vor besondere Herausforderungen stellen. Hinzu kommt, dass Sabotage, Desinformation und Terrorangriffe gezielt darauf abzielen, die Hilfeleistungssysteme eines Staates zu überlasten. Trotz dieser düsteren Szenarien bewerteten die Expertinnen und Experten die bestehende Expertise in der psychosozialen Notfallversorgung in Deutschland als solides Fundament, auf dem sich aufbauen lässt.

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BBK-Präsidentin Grit Tüngler unterstrich die Bedeutung des Themas unmissverständlich: „Einsatzkräfte sind das Herzstück unserer Gefahrenabwehr und verdienen bestmögliche Unterstützung. In enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Feuerwehrverband setzen wir uns nachhaltig für die Weiterentwicklung der Psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte ein. So stärken wir gemeinsam die Resilienz unserer Einsatzkräfte.“ DFV-Präsident Karl-Heinz Banse lenkte den Blick auf die Brutalität, mit der Rettungskräfte in der Ukraine konfrontiert sind: „Unvorstellbar für uns ist, was es im Krieg Russlands gegen die Ukraine leider allzu oft vorkommt: Einsatzkräfte werden durch einen zeitverzögerten Zweitschlag gezielt angegriffen. Ich bin dankbar, dass wir Einblicke erhalten, wie diese unmenschlichen Belastungen verarbeitet werden können.“

Genau diese Einblicke lieferten ukrainische Gäste, die sowohl aus nicht-staatlicher Perspektive als auch als Delegation des State of Emergency-Service der Ukraine über ihre Erfahrungen mit psychosozialer Notfallversorgung unter Kriegsbedingungen berichteten. Der deutsche Berufsfeuerwehrmann Nils Thal, der sich ehrenamtlich in der Ukraine engagiert, referierte über Anpassungen bei Feuerwehr und Rettungsdienst als Reaktion auf die russische Kriegsführung. Per Videokonferenz bezog er dabei die ukrainische Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matviichuk sowie den Russland-Experten Andrey Gurkov in seinen Vortrag ein. Die Schilderungen machten deutlich, unter welch extremem Druck Helferinnen und Helfer in einem aktiven Kriegsgebiet arbeiten – und welche Strategien sie entwickelt haben, um trotzdem handlungsfähig zu bleiben.

Neben dem internationalen Blickwinkel beleuchteten weitere Vorträge Einsatzerfahrungen aus Deutschland. Dabei ging es um die besonderen Anforderungen, die bestimmte Einsätze an die Psyche der Beteiligten stellen, ebenso wie um die Frage, welche Rolle die psychosoziale Versorgung für das Funktionieren der gesamten Gefahrenabwehr und das Aufrechterhalten staatlicher Strukturen in Krisenlagen spielt. Ein eigener Themenblock widmete sich der Idee, herausfordernde Einsatzerfahrungen nicht nur als Belastung, sondern auch als Bildungs- und Weiterentwicklungschance zu begreifen.

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Das Symposium wird seit 2014 gemeinsam von BBK und DFV ausgerichtet und hat sich als feste Plattform für den fachlichen Austausch etabliert. Ergänzend zu dieser Kooperation betreibt das BBK ein eigenes Fachzentrum für Resilienz und Traumaprävention, dessen Leitung in Fulda einen Überblick über die jüngsten Entwicklungen gab. Die diesjährige Tagung machte eines besonders deutlich: Die psychische Gesundheit von Einsatzkräften ist keine Randnotiz im Katastrophenschutz, sondern eine strategische Voraussetzung dafür, dass Hilfe im Ernstfall überhaupt funktioniert. Angesichts einer Sicherheitslage, die sich in Europa grundlegend verändert hat, gewinnt diese Erkenntnis eine Dringlichkeit, die weit über den Tagungsraum in Fulda hinausreicht.

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