Die Reform der Stromnetzentgelte rückt in eine entscheidende Phase – und die deutsche Energiewirtschaft sendet gemischte Signale nach Bonn. Mit dem Zwischenstand zur neuen Netzentgeltsystematik unter dem Kürzel AgNes hat die Bundesnetzagentur am Mittwoch offengelegt, in welche Richtung die künftige Finanzierung der Stromnetze laufen könnte. Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, sieht darin Licht und Schatten zugleich.
Lob gibt es zunächst für den Dialog selbst. Die Behörde habe nach einem intensiven Austausch zentrale Argumente der Branche aufgenommen, betonte Andreae in ihrer Stellungnahme. Besonders die Frage des Bestandsschutzes hat aus Sicht des Verbandes eine tragfähige Antwort gefunden: Energiespeicher und Elektrolyseure, die bereits in Betrieb sind oder sich in fortgeschrittener Planung befinden, sollen weiterhin von Netzentgelten befreit bleiben. „Vertrauensschutz ist ein hohes Gut für alle Beteiligten“, unterstrich Andreae diesen Punkt.
Deutlich kritischer fällt das Urteil bei anderen Bausteinen aus. Die vom BDEW geforderte Kapazitätsorientierung tauche im Entwurf bislang nur als rechnerische Größe auf, monierte die Verbandschefin. Auch der pauschale Zuschlag für Prosumer – also für jene Akteure, die zugleich Strom verbrauchen und einspeisen – greife zu kurz. Diese Gruppe sei zu heterogen, um sie über einen Kamm zu scheren. Ein gemeinsam mit dem Energiewirtschaftlichen Institut der Universität zu Köln entwickeltes Modell zeige hier nach Auffassung des Verbandes einen praktikableren Weg auf.
Im Zentrum der Kritik stehen die geplanten dynamischen Netzentgelte. Zwar begrüßt der BDEW, dass die Bundesnetzagentur ein begleitendes Gutachten in Auftrag geben will. Doch die grundsätzliche Stoßrichtung treibt der Branche Sorgenfalten ins Gesicht. Volldynamische Entgelte, so warnte Andreae, klängen in der Theorie verlockend, brächten in der Praxis aber erhebliche Komplexität mit sich – von IT-Anpassungen über das Messwesen bis zur Marktkommunikation und den Kundenprozessen.
Gravierender noch wirkt aus Verbandssicht ein anderer Effekt: Für die Finanzierung neuer Kraftwerke und erneuerbarer Anlagen würden dynamische Entgelte zu einer schwer kalkulierbaren Größe. Banken und Investoren reagierten auf solche Unsicherheiten erfahrungsgemäß mit Risikoaufschlägen – am Ende könnten die Kosten der Energiewende dadurch eher steigen als sinken. Die weitere Ausgestaltung müsse deshalb zwingend an die Ergebnisse des angekündigten Gutachtens gekoppelt werden.
Auf grundsätzliche Ablehnung stoßen schließlich die geplanten Einspeiseentgelte für Erzeuger. Die Bundesnetzagentur will hier einen Kapazitätspreis etablieren, perspektivisch ist sogar ein dynamischer Arbeitspreis im Gespräch. Letzteren möchte der BDEW kategorisch ausgeschlossen sehen – die Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen seien zu weitreichend, um sie als regulatorisches Experiment zu wagen.
Am Ende ihrer Stellungnahme richtet Andreae den Blick auf das große Ganze. Netzausbau, Erneuerbare und der Umgang mit Engpässen ließen sich nicht in getrennten Schubladen denken, sondern müssten als integriertes Gesamtsystem koordiniert werden. Nur eine kohärente, praxistaugliche und investitionssichere Netzentgeltsystematik könne Versorgungssicherheit, Klimaziele und Kosteneffizienz zugleich tragen. Die kommenden Monate dürften zeigen, wie weit Behörde und Branche auf diesem Weg noch zueinander finden.




















