Mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nimmt ein zentrales erinnerungspolitisches Vorhaben Deutschlands konkrete Gestalt an: Der Bund hat den internationalen Gestaltungswettbewerb für das „Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung in Polen 1939–1945″ offiziell gestartet. Künstlerinnen, Künstler, Künstlergruppen sowie Architektinnen und Architekten können sich noch bis zum 5. Mai 2026 für die Teilnahme bewerben. Fünf Millionen Euro stellt der Bund für den Wettbewerb und die anschließende Realisierung bereit. Das Denkmal soll auf dem Gelände der früheren Kroll-Oper in Berlin entstehen – unweit von Bundeskanzleramt und Bundestag, im Herzen der Hauptstadt.
Der Ort ist nicht zufällig gewählt, er trägt selbst die Last der Geschichte. In der Kroll-Oper begründete Adolf Hitler am 1. September 1939 den Angriff auf Polen. Genau dort soll künftig an die Millionen polnischen Bürgerinnen und Bürger erinnert werden, die während der deutschen Besatzung ausgebeutet, gequält und ermordet wurden. Rund fünf Millionen Menschen in Polen verloren in jenen Jahren ihr Leben. Das Denkmal will der Dimension dieser Verbrechen gerecht werden und zugleich individuelle Schicksale sichtbar machen. Bereits 2025 wurde auf dem Gelände ein temporärer Gedenkort eingerichtet, der nach Abschluss des Wettbewerbs einem dauerhaften Mahnmal weichen soll.
Staatsminister für Kultur und Medien Wolfram Weimer ordnete den Wettbewerbsstart als historischen Schritt ein: „Die Errichtung des Denkmals ist eines der bedeutsamsten erinnerungspolitischen Projekte Deutschlands. Mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geben wir dem Gedenken an die Millionen Opfer des deutschen Angriffskrieges auf Polen und der anschließenden Besatzung endlich eine sichtbare, dauerhafte Form.“ Das Vorhaben sei Ausdruck historischer Verantwortung und ein wichtiges Zeichen gegenüber Polen, so Weimer weiter. Der Nationalsozialismus habe auf Vernichtung und die Auslöschung der polnischen Identität gezielt.
Die polnische Ministerin für Kultur und nationales Erbe, Marta Cienkowska, betonte die Bedeutung des gewählten Standorts und den langen Weg bis zu diesem Punkt. „Auf der Landkarte des Nachkriegs-Gedenkens gibt es noch immer weiße Flecken. Und einer davon – ein außergewöhnlich wichtiger – beginnt nun, gefüllt zu werden“, sagte sie bei der Eröffnung einer begleitenden zweitägigen deutsch-polnischen Expertenkonferenz am 29. April 2026. Das Ergebnis sei nicht zufällig entstanden, sondern das Resultat jahrelanger Arbeit, Gespräche, Appelle und Debatten – auch solcher, die im Bundestag geführt worden seien. „Es ist das Ergebnis des Mutes vieler Kreise, die nicht einverstanden waren zu schweigen. Und für diese Konsequenz, für diese Anstrengung gilt es heute, Dankbarkeit auszudrücken“, fügte Cienkowska hinzu.
Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, stellte das Projekt in einen größeren Zusammenhang. Als Bundesstiftung mit dem gesetzlichen Auftrag, aller Opfer des Nationalsozialismus würdig zu gedenken, begrüße man die Schaffung dieses zentralen Ortes. Das Denkmal solle Empathie fördern und sei zugleich der erste Schritt auf dem Weg zur Gründung eines Deutsch-Polnischen Hauses als Stätte des Gedenkens, der Begegnung und des Verstehens. „Historisches Wissen, gemeinsames Erinnern und konstruktiver Dialog sind die entscheidenden Grundlagen für die Stärkung unserer Freundschaft und des europäischen Gedankens“, erklärte Neumärker. Angesichts der bislang begrenzten Vertrautheit vieler Deutscher mit Polen – neben Frankreich dem wichtigsten Partner in Europa – komme dem Vorhaben eine besondere Rolle zu.
Die Expertenkonferenz, die den Wettbewerbsauftakt begleitet, dient der fachlichen Vorbereitung der Auslobung. Erfahrungen und Stimmen aus verschiedenen Ländern werden zusammengeführt, die über Praxis bei der Realisierung vergleichbarer Projekte oder über Expertise in Fragen der Erinnerungspolitik verfügen. Konzipiert wurde die Tagung von der Stabsstelle „Deutsch-Polnisches Haus“ bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gemeinsam mit dem Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Die Stabsstelle wird durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert und begleitet die gesamten Planungen zur Verwirklichung des Denkmals.
Das Vorhaben geht auf einen Beschluss des Deutschen Bundestages zurück. Ausgerichtet wird der Gestaltungswettbewerb vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Informationen zum Bewerbungsverfahren stehen auf Deutsch und Polnisch auf der Webseite des Bundesamts zur Verfügung.





















