Schaeffler in Homburg - Bild: Stephan Bonaventura
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Angesichts eines veränderten Marktumfelds und des sich beschleunigenden Wandels im Bereich der Antriebstechnologien hat der Vorstand der Schaeffler AG ergänzende strukturelle Maßnahmen beschlossen, um vor allem die Wettbewerbsfähigkeit der Sparte Automotive Technologies weiter zu verbessern und sowohl Fixkosten als auch Überkapazitäten zu reduzieren. Die strukturellen Maßnahmen sollen im Wesentlichen bis Ende 2026 umgesetzt werden.

Dazu sagt Matthias Zink, CEO der Sparte Automotive Technologies der Schaeffler AG: „Es reicht künftig nicht aus, nur technologisch führend zu sein. Vielmehr sind wettbewerbsfähige Kostenstrukturen entscheidend, um die Transformation weiter zu beschleunigen und Schaeffler konsequent auf die Elektrifizierung des Antriebsstrangs auszurichten. Dies bedeutet im Umkehrschluss auch, die Kostenbasis zu reduzieren und Überkapazitäten abzubauen.“

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Einsparpotenzial von rund 100 Millionen Euro pro Jahr
Die beschleunigte Transformation der Fahrzeugantriebe hin zur Elektromobilität führt zu Überkapazitäten bei Produkten für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und somit zu einem weiteren Anpassungsbedarf. Hinzu kommt, dass Automobilhersteller ihre Entwicklungsaktivitäten für Verbrenner kontinuierlich reduzieren, was auch bei Schaeffler zusätzliche Anpassungen erforderlich macht. Zudem ist der Automobil- und Industriezulieferer bestrebt, interne Strukturen sowohl in der Fertigung als auch in Zentralfunktionen so effizient wie möglich zu gestalten, um Fixkosten zu reduzieren und interne Prozesse so schlank wie möglich zu gestalten.

Auf dieser Basis umfassen die geplanten Maßnahmen einen Abbau von insgesamt 1.300 Stellen insbesondere in den Unternehmensbereichen Motor-/Getriebesysteme und Lager der Sparte Automotive Technologies sowie innerhalb der Zentralfunktionen des Unternehmens. Knapp drei Viertel des Kapazitätsabbaus entfallen auf Stellen in der Verwaltung sowie zentralen Funktionen im Bereich Forschung und Entwicklung für Verbrennungsmotoren, der Rest auf Stellen in der Produktion. Der Stellenabbau betrifft sowohl das Inland als auch das Ausland. In Deutschland sind im Wesentlichen die Standorte Herzogenaurach, Bühl und Homburg betroffen. Jede vierte betroffene Stelle befindet sich außerhalb von Deutschland. „Die vom Vorstand definierten Maßnahmen stellen einen konkreten Beitrag zur Sicherung von zukünftigem Wachstum dar, um die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit von Schaeffler nachhaltig weiter zu stärken und hierdurch zugleich langfristig Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten“, sagt Sascha Zaps, Regional CEO Europa der Schaeffler AG. Die Maßnahmen sollen zu jährlichen Einsparungen von voraussichtlich bis zu 100 Millionen Euro führen. Dem stehen Transformationsaufwendungen in Höhe von rund 130 Millionen Euro gegenüber, von denen voraussichtlich der Großteil als Rückstellung im 4. Quartal 2022 gebildet wird.

Maßnahmenpaket mit zwei Stoßrichtungen
Der Lagermarkt ist besonders wettbewerbsintensiv, was eine Strukturanpassung in der Lagerfertigung in Herzogenaurach unumgänglich macht. In Herzogenaurach, Bühl sowie an Standorten im Ausland will Schaeffler seine internen Strukturen im Bereich Forschung und Entwicklung für Verbrennungsmotoren an die neuen Marktgegebenheiten anpassen und entsprechend abbauen. Im Unternehmensbereich E-Mobilität soll die Effizienz im Prototypenbau weiter verbessert werden, was in Bühl und Herzogenaurach Anpassungen erforderlich macht. Am Standort Homburg steht eine wettbewerbsfähige Produktion im Fokus der geplanten Maßnahmen: Durch eine zunehmende Automatisierung einerseits und effizientere interne Strukturen und Prozesse in der Fertigung andererseits sollen hier Stellen abgebaut werden. Zudem ist geplant, Verwaltungsstellen in den Zentraleinheiten der Schaeffler Gruppe hauptsächlich in Herzogenaurach zu reduzieren, um Fixkosten zu senken.

An den Standorten Ingolstadt und Morbach fertigt Schaeffler ausschließlich Komponenten für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, die von Nachfragerückgängen betroffen sind. Hier sollen in den kommenden Monaten zusammen mit den Arbeitnehmervertretern im Rahmen von neu konzipierten Dialogprozessen Standortkonzepte erarbeitet werden.

Gleichzeitig wird Schaeffler die vom Kapazitätsabbau betroffenen deutschen Standorte durch Investitionen in neue Technologien stärken: In Herzogenaurach sollen neben dem sich bereits im Bau befindenden Zentrallabor die Wasserstoffaktivitäten erweitert und das entsprechende Kompetenzzentrum weiter ausgebaut werden. Darüber hinaus werden am Standort Herzogenaurach verstärkt Komponenten und Systeme für die E-Mobilität entwickelt. Weiterhin wird das Werk zum Leitwerk für die Umformtechnik für umgeformte Lager entwickelt, und es werden stetig neue Digitalisierungs- und Automatisierungstechnologien eingesetzt. Am Standort Bühl baut Schaeffler seinen Entwicklungs- und Fertigungscampus für die Elektromobilität aus und das Werk zum weltweiten Leitwerk für die E-Motoren-Fertigung um. Am Campus Homburg entsteht ein Kompetenzzentrum für Wälzkörper für die Sparte Automotive Technologies. Dafür investiert Schaeffler vor Ort in die Digitalisierung und Automatisierung.

Gunzenhausen wird Werk der Sparte Automotive Aftermarket
Um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Standorte zu sichern, hat der Vorstand der Schaeffler AG zudem beschlossen, den Standort Gunzenhausen zu einem Werk der Sparte Automotive Aftermarket zu machen. Bereits heute fertigt der Standort mit einem großen Teil seiner Produktionsleistung für das Handelsgeschäft. Ein entsprechendes Konzept für die Anpassung der Produktion an die Bedarfe der Sparte wird aktuell erarbeitet. Ab 2024 soll die Verantwortung für das Werk schrittweise an den Automotive Aftermarket übertragen werden. Sowohl die Werkleitung als auch die Arbeitnehmervertreter sollen intensiv in die Ausgestaltung des Konzeptes einbezogen werden.

Sozialverträglichkeit auf Basis der Zukunftsvereinbarung 
Die Umsetzung des Maßnahmenpakets wird möglichst sozialverträglich erfolgen. Grundlage dafür ist die Zukunftsvereinbarung der Schaeffler Gruppe, die 2018 mit der IG Metall abgeschlossen wurde. Das Unternehmen befindet sich mit den Arbeitnehmervertreterinnen und -vertretern in einem konstruktiven Dialog mit dem Ziel, die strukturellen Maßnahmen mithilfe einer Kombination von unterschiedlichen Instrumenten zu realisieren und betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Dazu werden auch zusätzliche Qualifizierungsangebote und Maßnahmen zur fachlichen Weiterbildung vorgestellt. „Wir sind bestrebt, nun zügig mit den Arbeitnehmervertreterinnen und -vertretern konkrete sozialverträgliche Lösungen auszuarbeiten, um frühzeitig Klarheit für alle Beteiligten zu erhalten. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, die Maßnahmen mit Augenmaß und Weitsicht umzusetzen und damit unsere Standorte bestmöglich aufzustellen“, sagt Corinna Schittenhelm, Vorstand Personal und Arbeitsdirektorin der Schaeffler AG.

Hierzu Barbara Spaniol (DIE LINKE):

„Wir sind solidarisch mit den Beschäftigten. Die Sorgen und die Unsicherheit sind mit Blick auf die Zukunft der Industriearbeitsplätze am Wirtschaftsstandort Homburg schon lange groß. Seit Jahren geht hier schleichend eine Vielzahl von Arbeitsplätzen verloren. Hinter den Zahlen stehen aber Saarländerinnen und Saarländer mit ihren Familien und die darf man gerade jetzt, in Zeiten von Energiekrise und Inflation, nicht im Regen stehen lassen.“

Die Beschäftigten haben einen Riesenanteil am Erfolg der Industrie und dürfen nicht die Leidtragenden der Strukturkrise sein. Das Unternehmen brauche motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bereit für Innovationen und Veränderungen sind.

„Dies gelingt nur mit den Beschäftigten und nicht gegen sie. Transformation darf nicht Arbeitsplatzabbau bedeuten, sondern muss Alternativen in neuen, zukunftsorientierten Produktionsbereichen bieten“, so Spaniol. Insgesamt sieht DIE LINKE den Industriekonzern Schaeffler dringend in der Pflicht, stärker für Transparenz bei dieser Neuausrichtung zu sorgen, um den Standort Homburg zu sichern. „Die Antwort darf jedoch nicht ein weiterer Stellenkahlschlag zu Lasten der Beschäftigten sein. Dass in Homburg ein Kompetenzzentrum für Wälzkörper entstehen soll, begrüßen wir jedoch. Das ist wenigstens ein Stück Perspektive,“ so Barbara Spaniol. Für die kommende Stadtratssitzung kündigt die Fraktionsvorsitzende eine entsprechende Initiative zum Stopp des Stellenabbaus an.”

Hierzu Esra Limbacher (SPD):

“Auch nach der Vorstellung des Plans von Schaeffler deutschlandweit Stellen abzubauen, ist klar: Wir kämpfen weiter für den Erhalt der Industriearbeitsplätze! Von den Stellen, die Schaeffler bis 2026 sozialverträglich abbauen will, ist auch der Standort Homburg betroffen: 100 Beschäftigte sollen in Altersteilzeit geschickt werden.

Gleichzeitig gibt es aus saarländischer und Homburger Sicht auch gute Gründe zur Hoffnung: Am Homburger Schaeffler Werk Hasenäckerstraße soll das Kompetenzzentrum für Wälzkörper angesiedelt werden. Dort sollen Vorprodukte für den Bereich E-Mobilität und für Industrieanwendungen hergestellt werden.

Damit gibt es am Homburger Schaeffler-Werk weitere Investitionen. Nach vergangenen Zukunftinvestitionen am Standort Homburg ist das ein richtig großer Schritt nach vorne, der eines zeigt: Es lohnt sich aktiv für den Industriestandort Homburg zu kämpfen. Gemeinsam mit den Homburger Beschäftigten und Schaeffler setzen wir uns auch künftig für den Erhalt der Arbeitsplätze am Schaeffler Standort ein!”

Als „schwarzen Tag“ für die eigentlich große Erfolgsgeschichte von Schaeffler in Homburg bezeichnet Bürgermeister Michael Forster (CDU) in einer ersten Reaktion die Nachricht vom geplanten Stellenabbau beim Auto- und Industriezulieferer.

Forster steht seit Jahren in ständigem Austausch mit den Verantwortlichen des Unternehmens und hatte sich bereits des Öfteren für den Standort Homburg stark gemacht – auch als es um die Ansiedlung zukunftsfähiger Projekte ging. „Der Transformationsprozess ist in vollem Gange, das wissen die Verantwortlichen und auch wir nicht erst seit gestern. Deshalb ist es nun umso wichtiger, neue Wege zu gehen und Ideen zu entwickeln, wie die neuesten Anforderungen bewältigt werden können.“ Unabdingbares Ziel müsse es nach den Worten Forsters sein, „das Unternehmen in dieser schwierigen Phase zu stärken und gleichzeitig Arbeitsplätze in unserer Stadt zu sichern“. Dass dies im konkreten Fall bei Schaeffler augenscheinlich nicht funktioniert, bedauert der Bürgermeister zutiefst. In Richtung Konzern formuliert er: „Es geht jetzt darum, die Stellenstreichungen so gering wie nur möglich zu halten und die Betroffenen in dieser existentiellen Situation nach besten Kräften und mit gemeinsamen Anstrengungen zu unterstützen. Jedes einzelne Schicksal lohnt unser aller Einsatz.“

In Homburg herrsche kein Stillstand, was neue Arbeitsplätze angeht, unterstreicht Forster: „ Ich bin daher zuversichtlich, dass wir mit den geplanten Ansiedlungen – beispielsweise am Zunderbaum – und weiteren neuen Unternehmen in der Stadt bereits einigen der vom Verlust ihres bisherigen Arbeitsplatzes Betroffenen eine Perspektive auf einen neuen Arbeitsplatz bieten können.“ Er hoffe, dass das Unternehmen in der Übergangszeit bis 2026 – bis dahin sollen die Stellen laut der Konzern-Mitteilung abgebaut sein – eine möglichst sozialverträgliche Lösung für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umsetzt: „Ich werde auch hier mit den Verantwortlichen in Verbindung bleiben. Die Stadt Homburg wird unterstützen, wo immer es nötig ist!“

Dass Schaeffler nicht der einzige Automobilzulieferer in der Kreis- und Universitätsstadt ist, der mit dem Wandel zu kämpfen hat, bereitet dem Bürgermeister Sorgen: „Am Beispiel Schaeffler bekommen wir gerade deutlich vor Augen geführt, wie wichtig es ist, im laufenden Transformationsprozess und angesichts neuer politischer Entscheidungen der EU gerüstet zu sein.“ Auch hier stehe die Stadtspitze an der Seite der Unternehmen und im regelmäßigen Dialog mit den Verantwortlichen. „Den Weg werden wir weitergehen, damit Homburg ein erfolgreicher und zukunftsfähiger Standort im Automobilzulieferer-Sektor bleibt“, so Forster abschließend.

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