Noch vor wenigen Jahren galten die USA für viele deutsche Startup-Gründer als erste Adresse, wenn es um den großen Wurf ging. Inzwischen hat sich die Stimmung deutlich verschoben: Erfolgreiche Tech-Unternehmer blicken kritischer über den Atlantik – und sehen die eigenen Chancen zunehmend vor der Haustür. Das zeigt eine aktuelle Befragung unter Gründerinnen und Gründern deutscher Unicorns, also Startups mit einer Bewertung von mindestens 1 Mrd. Euro.
Die Umfrage der Startup-Initiative Get Started des Digitalverbands Bitkom wurde in Berlin vorgestellt und macht den Wandel deutlich. Nur noch 7 Prozent der befragten Unicorn-Gründer würden sich heute für die USA entscheiden, wenn sie noch einmal neu starten könnten. Vor einem Jahr lag dieser Wert mit 24 Prozent noch dreimal so hoch. Gleichzeitig ist die Bereitschaft gestiegen, erneut in Deutschland zu gründen: 57 Prozent würden hierzulande wieder ein Unternehmen aufbauen, nach 47 Prozent im Vorjahr.
Auch innerhalb Europas wächst die Attraktivität. Rund ein Fünftel der Befragten, konkret 21 Prozent, würde ein neues Startup in einem anderen EU-Land gründen. Im Vorjahr waren es 12 Prozent. 7 Prozent würden sich für einen anderen Standort außerhalb der EU entscheiden, ebenfalls 7 Prozent würden gar nicht mehr gründen. Insgesamt erwarten 50 Prozent der Unicorn-Gründer, dass Deutschland in den kommenden zwölf Monaten für Tech-Unternehmen noch attraktiver wird. Im vergangenen Jahr teilten nur 29 Prozent diesen Optimismus.
Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst sieht darin ein Signal, dass sich der Standort bewegt: „Deutschland ist auf dem richtigen Weg, jungen Tech-Unternehmen bessere Bedingungen für Wachstum und Erfolg zu geben. Mehr innovative, wachstumsstarke Startups sind ein wichtiger Beitrag für digitale Souveränität“, sagte Wintergerst. Gleichzeitig formulieren die Befragten klare Erwartungen an die Politik. An erster Stelle steht der Wunsch nach einem deutlichen Bürokratieabbau, den 79 Prozent der Gründerinnen und Gründer einfordern. Rund zwei Drittel, 64 Prozent, sprechen sich für einen erleichterten Marktzugang aus, etwa durch eine stärkere Harmonisierung des EU-Binnenmarkts.
Weitere zentrale Punkte betreffen die Finanzierung und den Arbeitsmarkt. 43 Prozent der Befragten sehen Bedarf für einen besseren Zugang zu Wachstumskapital in Deutschland. 36 Prozent wünschen sich eine vereinfachte Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland, zum Beispiel durch schnellere Visaverfahren. 29 Prozent plädieren für Möglichkeiten, Innovationen schneller erproben zu können, etwa in Reallaboren. Wintergerst betonte mit Blick auf die politischen Vorhaben: „Die Bundesregierung hat den Bürokratieabbau ins Zentrum ihrer Politik gerückt. Davon würden Startups und Scaleups in Deutschland unmittelbar profitieren“, so Wintergerst.
Mit Blick auf die weitere Entwicklung der deutschen Unicorn-Landschaft überwiegt der Optimismus. 79 Prozent der befragten Gründer rechnen im Jahr 2026 mit mindestens einem Börsengang eines Milliarden-Startups. Allerdings erwarten nur 29 Prozent, dass ein solcher IPO an einer deutschen Börse stattfindet. Die Hälfte der Befragten, 50 Prozent, geht von einem Börsengang in den USA aus, 7 Prozent sehen die größten Chancen an einem anderen Börsenplatz innerhalb der EU.
Verändert hat sich auch das persönliche Stimmungsbild der Unicorn-Gründer. 57 Prozent geben an, dass ihre Arbeit in Deutschland grundsätzlich Wertschätzung erfährt. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 41 Prozent. 36 Prozent fühlen sich dagegen weiterhin nicht ausreichend wertgeschätzt, ein Wert, der nahezu unverändert zum Vorjahr ist (35 Prozent). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die öffentliche Wahrnehmung von erfolgreichen Tech-Gründern langsam verbessert, auch wenn ein Teil der Szene sich weiterhin nicht ausreichend gesehen fühlt.
Die Befragung liefert zudem einen Einblick in die Struktur der deutschen Unicorn-Landschaft. Aktuell gibt es 29 Unicorns in Deutschland, in 25 von ihnen sind noch Gründerinnen oder Gründer im Management aktiv. Befragt wurden 14 dieser noch aktiven Gründerinnen und Gründer. Die Online-Umfrage wurde von Get Started, der Startup-Initiative des Bitkom, durchgeführt und ist nicht repräsentativ. Sie fand im Zeitraum von Kalenderwoche 52/2025 bis Kalenderwoche 2/2026 statt. Abgefragt wurden unter anderem die Erwartungen an die Standortattraktivität Deutschlands für 2026, gewünschte politische Maßnahmen, die persönliche Wahrnehmung von Wertschätzung, die Bereitschaft zu einer erneuten Gründung sowie die Einschätzung zu möglichen Börsengängen deutscher Unicorns in den nächsten zwölf Monaten.
Die vollständigen Ergebnisse der Erhebung sind im „Unicorn-Report 2026“ online abrufbar.


















