Ein leiser Murmelton, raschelnde Jacken, dann wird es still in der Stadtbücherei St. Ingbert. Gut 100 Menschen sind gekommen, um einen Abend zu erleben, der ganz Rainer Maria Rilke gewidmet ist – und der zeigt, wie lebendig die Texte des vor fast 100 Jahren verstorbenen Dichters bis heute sind.
Eingeladen hatten die Katholische Erwachsenenbildung Saarpfalz (KEB) und das St. Ingberter Literaturforum, die seit vielen Jahren eng zusammenarbeiten. Petra Oberhauser und Jürgen Bost begrüßten dazu erneut die Pfälzer Literaturkenner Thomas Kuhn und Stefan Schwarzmüller, die schon mehrfach literarische Abende in St. Ingbert gestaltet haben und auch diesmal als souveräne Gastgeber durch das Programm führten.
Um Leben und Werk Rainer Maria Rilkes im Jubiläumsjahr greifbar zu machen, entschieden sich Kuhn und Schwarzmüller für eine szenische Form. Ausgangspunkt war ein fiktives Gespräch in einem Verlagshaus: Stefan Schwarzmüller schlüpfte in die Rolle eines ambitionierten Autors, der seinem Verlagslektor – verkörpert von Thomas Kuhn – ein neues Rilke-Buch vorstellt. In diesem Rahmen entwickelte sich ein Dialog, in dem Schwarzmüller seine persönliche Würdigung des Weltliteraten präsentierte, wichtige Erkenntnisse mit augenzwinkerndem „unnützem Wissen“ verband und immer wieder Rilke-Texte einfließen ließ.
Die beiden Protagonisten beschränkten sich dabei nicht auf die berühmten Sonette und Elegien. Sie griffen auch Rilkes Großstadtroman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ auf und erinnerten an die Erzählung vom jungen Cornet, die im Ersten Weltkrieg zum Bestseller wurde – nicht zuletzt, weil sie zum Marschgepäck vieler Soldaten gehörte. So entstand ein facettenreiches Bild des Autors, der 1926 in vergleichsweise jungen Jahren starb.
Kuhn betonte, in Rilkes unsterblichen Versen paarten sich Weisheit und Schönheit auf der immerwährenden Suche nach Liebe. Rainer Maria Rilke schreibe „aus der tiefsten Stelle des menschlichen Herzens“, erklärte er. Der Abend begann mit dem berühmten Gedicht über den Panther im Pariser Jardin des Plantes, das als eindringliches Bild für Gefangenschaft, Isolation und den Verlust von Freiheit und Lebenskraft gelesen wurde. Beim Nachzeichnen von Rilkes Lebensweg hoben Kuhn und Schwarzmüller besonders dessen rastlose Wanderschaft und die intensive Wahrnehmung hervor, die sein Schreiben prägten.
Rilke verwandle Wahrnehmung und Beobachtung in „reine Sprache“ und erreiche selbst bei tiefgreifenden Themen eine außergewöhnliche Präzision im Ausdruck, arbeiteten die Literaturkenner heraus. Ein besonderes Augenmerk legten sie auf die enge Beziehung des Dichters zu Frankreich: Rilke war Sekretär des Bildhauers Auguste Rodin und verfasste auch Texte auf Französisch. Thematisiert wurde zudem das ambivalente Verhältnis des Schriftstellers zu Frauen, die für ihn sowohl als Mäzeninnen wie auch als „Brennstoff für seine Dichtung“ eine zentrale Rolle spielten.
Rainer Maria Rilke gilt bis heute als einer der wichtigsten Vertreter der literarischen Moderne und wirkt, wie an diesem Abend deutlich wurde, bis in die Popkultur hinein – erwähnt wurde etwa der Einfluss auf Künstlerinnen wie Lady Gaga. Eine Auswahl seiner bekannten Texte, die nach wie vor Kalender und Lesebücher füllen, bildete den Abschluss der szenischen Lesung. Langer Beifall dankte den Gestaltern des Abends. Das Rilke eigene „tiefe Schauen“ hinter Dinge, Tiere wie den Panther im Käfig und natürlich Menschen sei, so stellte Kuhn am Ende fest, durch ein „inniges und gespanntes Zuhören“ des Publikums aufgenommen worden. Als nächste literarische Persönlichkeit wollen sich Kuhn und Schwarzmüller in diesem Jahr Hermann Hesse widmen.
Zum Schluss wies ILF-Sprecher Jürgen Bost auf die kommende Veranstaltung des Literaturforums hin. Am Mittwoch, dem 25. Februar 2026, werden die Psychologinnen Corinna Hartmann und Tanja Michael ihr Buch „55 Fragen an die Seele – wie sie tickt und was ihr Halt gibt“ in St. Ingbert vorstellen.




















