Bild: Bill Titze

Kinder und Jugendliche waren durch die Corona-Maßnahmen besonders betroffen – im Mittelpunkt der Debatten standen sie jedoch nicht. Nicht zuletzt deshalb fand im Homburger Rathaus eine Diskussionsveranstaltung statt, die die Folgen von Lockdown und Co. auf das Wohlbefinden der jungen Generation unter die Lupe nahm. Die Experten waren sich einig: Die tatsächlichen Auswirkungen dürften sich erst noch zeigen.

Für nicht wenige ist die Corona-Pandemie mehr oder weniger gelaufen. Die Kontaktbeschränkungen sind aufgehoben, in Homburg fand mit der Braunacht zum ersten Mal seit Pandemie-Beginn wieder ein großes Live-Event statt. Doch selbst wenn die Krankheit die Gesellschaft nicht mehr in Geiselhaft hält, werden die Folgen noch Jahre zu spüren sein. Nicht nur ökonomisch, sondern auch gesundheitlich.

Gerade Kinder und Jugendliche könnten auf lange Sicht stark betroffen sein, schließlich griffen die Maßnahmen nicht nur in ihre körperliche, sondern vor allem auch in ihre seelische Entwicklung ein. So das einhellige Urteil auf einer Diskussionsveranstaltung, die die Volkshochschule Homburg und der Katholikenrat im Bistum Speyer organisiert hatten. „Viele Einschränkungen für Kinder und Jugendliche haben nicht nur einen vorübergehenden Verzicht bedeutet, sondern sind unwiederholbar vorbei, weil sich Entwicklungen in bestimmten Zeitfenstern abspielen“, so Hans-Josef Daubaris, Diplom-Sozialarbeiter beim Kreisjugendamt. „Die Auswirkungen in Bezug auf Fähigkeiten und Psyche der Kinder werden sich erst in Zukunft zeigen.“

Wobei bereits jetzt erste Konsequenzen feststellbar sind, wie Andreas Heinz vom Caritas-Zentrum Saarpfalz erläuterte. So habe unter anderem die Frustrationstoleranz abgenommen. „Die Aggressionsbereitschaft bei den Kindern ist größer geworden, die Betreuer müssen deutlich mehr schlichten.“ Ob dies längerfristige Phänomene sind oder mit der Zeit eine Entspannung eintritt, kann derzeit niemand sagen. So war bei den Experten eine gewisse Unsicherheit bei der Beurteilung zu erkennen. Auch deshalb, weil noch sehr wenige Studien über die sozialen Konsequenzen der Pandemie auf die junge Generation vorliegen.

Anders sieht das bei den körperlichen Auswirkungen aus, die Prof. Michael Zemlin, Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie am Homburger Uni-Klinikum, anhand mehrerer Studien vorstellte. Aus dem Vortrag von Zemlin ging hervor, dass rund 5000 Personen zwischen 0 und 18 in Deutschland stationär aufgrund einer Covid-Erkrankung aufgenommen wurden, 3,6 % davon auf einer Intensivstation. 16 Todesfälle im Zusammenhang mit einer Covid-Erkrankung waren zu beklagen. „Das heißt zwar nicht, dass Corona harmlos ist, aber die Auswirkungen waren mit Sicherheit geringer als bei einer Grippewelle“, erklärte Zemlin. Nur, dass bei Grippewellen in den vergangen Jahren weder Masken noch Hygienekonzepte zur Anwendung kamen, möchte man hinzufügen.

Gerade solche Einschränken dürften aber indirekt bei manchen Kindern schwere medizinische Folgeschäden auslösen. Zumindest schilderte Zemlin, dass Kinder während der Pandemie deutlich später bei anderen Erkrankungen Kliniken aufsuchten. „So sind Krankheiten erst in einem späteren Stadium festgestellt worden.“

Bild: Bill Titze

Ebenso schwere Folgen dürfte auch ein anderes Phänomen haben, dass gerade bei männlichen Jugendlichen auch vor der Pandemie schon bekannt war: Medienkonsum, der immer mehr in eine Sucht umschlägt. „Gerade Jungs verbringen viel mehr und häufiger Zeit vor Computerspielen“, warnte Prof. Eva Möhler, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes. „Der Medienkonsum scheint dabei auch nach dem Ende der Einschränkungen nicht so rückläufig zu sein, wie andere Dinge.“

Aber nicht nur die zunehmend aktive, exzessive Nutzung von Computern und Smartphones birgt Gefahren, wie Kinderärztin Dr. Lieselotte Simon-Stolz betonte. Der passive Medienkonsum der Kleinen solle ebenso im Blick behalten werden. „Der ständig laufende Fernseher oder die Handy-Nutzung der Eltern sind Dinge, die ganz viel mit den Kindern machen.“ Gerade Kinder aus sozial schwachen Familien seien nicht zuletzt aufgrund von Lockdown und Corona-Maßnahmen besonders schwer betroffen gewesen. Außerdem habe es eine Zunahme der Gefahr von Kindesmisshandlungen, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung in den vergangenen zwei Jahren gegeben. „Es geht nun darum, besonders belastete Kinder und Jugendliche zu identifizieren und zielgerichtete Maßnahmen zu ergreifen.“

Soweit die Bestandsaufnahme. Doch welche Konsequenzen sind aus diesen Erfahrungen zu ziehen? Für Diplom-Sozialarbeiter Daubaris muss es in Zukunft bei ähnlichen Situationen darum gehen, die entwicklungspsychologischen Aspekte mit in den Blick zu nehmen. „Die Regeln müssen ins Verhältnis zur Gefährdung gesetzt werden.“ Immerhin eine positive Nachricht gab es dann aber doch zu vermelden. Und die kam von Caritas-Mann Heinz. „Die Kinder sind so froh, dass sie keine Maske mehr tragen müssen. Das ist eine unfassbare Erleichterung.“ Immerhin ein Lichtblick. Schließlich haben Kinder und Jugendlichen in den letzten beiden Jahren genug durchgemacht.

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