Archivbild Homburg Stadt

Homburg ist besser als sein Ruf. Nach Auffassung von Bauaumtsleiter Frank Missy ist das die Kernbotschaft, die aus dem fast hundertseitigen neuen Einzelhandelskonzept für die Kreis- und Universitätsstadt Homburg spricht. Das von Stadtplaner Michael Banowitz auf den Weg gebrachte Grundlagen-Papier hat der Experte Norbert Lingen ausgearbeitet. Vorgestellt wurde es im März dem Bau- und Umweltausschuss. Von der Politik wird das Konzept nun diskutiert werden müssen; wenn alles gut geht, könnte im Herbst bereits der Stadtrat darüber beschließen.

Die Nachricht vom „Aus“ für das geplante ECE auf dem Homburger Enklerplatz 2014, der Rückzug der DI-Gruppe als Nachfolgeinteressent 2018, die Corona-Krise und ein über Jahre stetig stärker werdender Internethandel und äußerer Konkurrenzdruck haben dem Homburger Einzelhandel zugesetzt. Die Hoffnung auf ein innerstädtisches Einkaufscenter mit Sogwirkung haben sich zerschlagen, die potenziellen Kunden haben ihr Kaufverhalten grundlegend geändert und die Pandemie hat die Innenstadt leergefegt. Und nun auch noch die Erweiterungspläne des Zweibrücker Factory Outlet-Center, gegen die die Stadt Homburg gemeinsam mit Neunkirchen eine rechtliche Prüfung veranlasst hat. Es war also höchste Zeit, dass eine Bestandsaufnahme zum Einzelhandel und den im Stadtgebiet verteilten Marktzentren auf den Weg gebracht wurde.

Die Notwendigkeit für die Erstellung eines Einzelhandelskonzeptes ergibt sich aber auch noch aus einer anderen Verpflichtung heraus. Bauamtsleiter Missy: „Es geht hier um die Rolle von Homburg als Mittelzentrum mit oberzentralen Funktionen.“ Damit gemeint ist die Aufgabe als Kreis- und Universitätsstadt. Hierzu gebe es einen Kriterienkatalog an Voraussetzungen, der dabei auch die Grundversorgung der Bevölkerung im Blick hat. Missy: „Wir müssen sehen, dass wir unsere Rolle als Mittelstadt spielen. Der Landesentwicklungsplan weist uns hierbei eine Grundversorgungsrolle zu. Wir versuchen deshalb, unsere Einzelhandelskulisse aufrechtzuerhalten in Vielfalt und Menge, so dass die Grundversorgung gesichert ist.“

Die nun vorgelegte Bestandsanalyse gründet auf 41.875 Einwohnern mit einem für den Einzelhandel relevanten Kaufkraftpotenzial von 276,5 Millionen Euro. Nimmt man das Umland und die Nachbarkommunen mit in den Blick vervierfacht sich das Kaufkraftpotenzial, von dem die vom Gutachter erfassten 296 Einzelhandelsbetriebe im Stadtgebiet profitieren könnten. Nach aktuellem Stand würden mit den Sortimenten auf den 126.175 Quadratmeter Verkaufsfläche 395,8 Millionen Euro Umsatz erzielt. Die Kunst besteht nun darin, Versorgungsbereiche so zu definieren, dass sie sich nicht gegenseitig blockieren, von Konsumenten gut erreichbar sind, die Innenstadt beleben, die Versorgung in den Stadtteilen sicher stellt und gleichzeitig die Verkehrsbelastung verträglich machen.

Für Missy gehört entsprechend die Mobilität dazu. Weil Ingenieure aber zur Zeit Mangelware in den Kommunalverwaltungen und in der Wirtschaft sind, werde man ein Mobilitätkonzept wohl nach außen vergeben müssen: „Vielleicht brauchen wir dazu sogar mal ein eigenes Amt. Denn die Mobiliätswende mit ihren Themen wie E-Bikes, ÖPNV, Logistik, Elektro- und Wasserstofftechnologie ist alles andere als trivial.“ Nun werde aber zunächst der Baustein Einzelhandel in Angriff genommen. „Wir wollen schauen, dass wir am Ende so weit gehen können und einen ‚Homburger Laden‘ mit besonders zu schützenden Sortimentsgruppen entwerfen, um damit gegebenenfalls Nebenzentren in einem rechtlich zulässigen Maß zu begrenzen. Bedeutet vereinfacht: Was in der Innenstadt für die Grundversorgung notwendig erscheint, sollte nicht irgendwo außerhalb landen und Wettbewerb sollte nur soweit möglich sein, dass er sich nicht schädigend auswirkt. Dies wird letztlich über das Baurecht bestimmt.

Das Einzelhandelskonzept mit seiner Analyse und der stichprobenartigen Befragung von Kunden und Inhabern listet die zentralen Versorgungsbereiche, Nahversorgungszentren und Fachmärkte der Innenstadt und der Stadtteile auf und empfiehlt unter anderem: „Die Standorte von Einzelhandelsbetrieben mit zentrenrelevanten Kernsortimenten (ohne nahversorgungsrelevante Kernsortimente nach der ‚Homburger Liste‘) sollen sich auf die ausgewiesenen zentralen Versorgungsbereiche beschränken.“ Gutachter Lingen rät dazu, dass großflächiger Einzelhandel deshalb primär in den zentralen Versorgungsbereichen Innenstadt Homburg und den Nebenzentren Erbach und Kirrberg ansässig sein sollte. Mit einer entsprechenden Bauleitplanung solle ausgeschlossen werden, dass zentrenrelevante Betriebe außerhalb der zentralen Versorgungsbereiche und ausgewiesenen Einzelhandelsstandorten entstehen. Ausnahme sind hier die Nahversorgungssortimente (etwa Lebens- und Genussmittel), die wohnungsnah auch außerhalb der Zentren möglich sein sollen, wenn sie die Grundversorgung verbessern.

Was Gutachter Lingen noch empfiehlt: Verzicht auf eine weitere Center-Entwicklung auf dem Enklerplatz, die sinnvolle Nutzung von Flächenpotenzialen (Stichwort Vaubancarree) und die Durchführung von Modernisierungsmaßnahmen in vorhandenen Betrieben. Für Homburg von Vorteil: Bei der aktuell auf den Weg gebrachten rechtlichen Überprüfung der geplanten Zweibrücker FOC-Erweiterung um 8.500 Quadratmeter, können die von Norbert Lingen erhobenen Daten zum Homburger Einzelhandel durchaus eine erste Einschätzung ermöglichen, in welcher Weise Homburg mit Nachteilen rechnen muss. Rechtlich verbindend ist das Konzept nicht. Und es ist auch kein Maßstab für die Politik. Die muss für sich entscheiden, wo und wie sie den Homburger Einzelhandel stützen will. Missy: „Wenn die Politik etwa sagt, wir wollen nicht die Innenstadt stärken, sondern Erbach, dann müssen wir das entsprechend umsetzen.“ Das Einzelhandelskonzept sei lediglich eine Empfehlung auf Grundlage der aktuellen Daten und Zukunftstrends.

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