Die Spielregeln in der Softwarebranche werden gerade neu geschrieben – und der Auslöser sitzt nicht in einer Vorstandsetage, sondern in den Rechenzentren. Künstliche Intelligenz verändert nicht nur, wie Programme entstehen, sondern auch, wofür Kundinnen und Kunden überhaupt noch bereit sind, Geld auszugeben. Klassische Abrechnungsmodelle, die jahrzehntelang als selbstverständlich galten, geraten ins Wanken. Das ist eine zentrale Erkenntnis der Studie „Softwarewelt 2036“, die der Digitalverband Bitkom am 22. Juni 2026 in Berlin veröffentlicht hat.
Der Befund ist deutlich: Wo bislang Entwicklungsstunden, Manntage oder pauschale Lizenzen die Rechnung bestimmten, rücken künftig konkrete Resultate in den Mittelpunkt. Bezahlt wird, was tatsächlich erledigt wurde – etwa eine geschlossene Sicherheitslücke oder ein abgearbeitetes Support-Ticket. Hintergrund ist der Vormarsch sogenannter KI-Agenten, die nicht mehr als bloßes Werkzeug dienen, sondern Aufgaben eigenständig erledigen. Damit verliert die alte Logik des Aufwands ihre Glaubwürdigkeit.
„Die KI-Revolution setzt auch in der Softwarebranche erprobte Erlösmodelle unter Druck. Wenn ein KI-Agent die Arbeit mehrerer Menschen übernimmt, lässt sich der Aufwand nicht mehr glaubwürdig nach Köpfen oder Stunden in Rechnung stellen“, sagt Felix Ansmann, Bereichsleiter Software & IT-Services beim Bitkom. Zugleich schauten Auftraggeber inzwischen sehr viel genauer hin, was sie für ihr Budget tatsächlich bekommen. Wer den Nutzen seiner KI-Lösung nicht in Zahlen ausdrücken könne, gerate ebenfalls in die Defensive.
In dieser Umbruchphase sehen die befragten Führungskräfte durchaus eine Chance für Anbieter aus Deutschland und Europa. Compliance und Datensouveränität, oft als Bremsklotz empfunden, könnten sich zum Verkaufsargument wandeln. Wer Nachvollziehbarkeit, Auditierbarkeit und eine Datenhaltung innerhalb Europas von Anfang an in seine Produkte einbaue, hebe sich spürbar vom Wettbewerb ab – gerade gegenüber US-amerikanischen oder asiatischen Plattformen, bei denen diese Aspekte nicht selbstverständlich sind.
Ein zweiter Hebel ist tiefes Branchenwissen. Wer eine Industrie, ein Fachgebiet oder einen Geschäftsprozess wirklich versteht und diese Expertise gemeinsam mit KI nutzbar macht, dürfte sich mittelfristig gegen generalistische Modelle behaupten. Ansmann mahnt allerdings zur Wachsamkeit: „Angesichts der rasanten Fortschritte großer KI-Modelle kann sich aber niemand auf vermeintlich exklusivem Wissen ausruhen.“ Die Halbwertszeit von Vorsprüngen schrumpft.
Über die Geschäftsmodelle hinaus widmet sich der Bericht weiteren Verschiebungen. Dazu zählen veränderte Kompetenzprofile für Beschäftigte, der Bedeutungsgewinn vernetzter Plattformen und Ökosysteme gegenüber einzelnen Software-Produkten sowie konkrete Erwartungen an die Politik. Die Befragten plädieren für eine schlankere, stärker am Ergebnis orientierte Regulierung – und für den Aufbau einer eigenständigen europäischen KI-Infrastruktur.
Methodisch beruht die Studie auf qualitativen Interviews mit Führungskräften aus Software-Häusern, Dienstleistern, internen IT-Abteilungen und angrenzenden Feldern. Die Ergebnisse erheben keinen Anspruch auf Repräsentativität, sondern bündeln Einschätzungen und Praxiserfahrungen aus der Branche. Der vollständige Bericht „Softwarewelt 2036“ steht ab sofort auf der Bitkom-Website zum kostenlosen Download bereit.

















