Symbolbild
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Rund 90 Milliarden Euro pro Jahr – so viel müsste Deutschland bis 2030 in den Umbau seines Energiesystems investieren, um Klimaschutz, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gleichzeitig zu sichern. Wie sich diese gewaltige Summe mobilisieren lässt, stand am Dienstag im Zentrum eines Finanzierungsgipfels, zu dem der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) gemeinsam mit dem Beratungshaus Deloitte nach Berlin geladen hatten. Mehr als 200 Vertreterinnen und Vertreter aus Energie- und Finanzbranche kamen zusammen, um über Instrumente, politische Rahmenbedingungen und die Rolle privaten Kapitals bei der Transformation zu beraten.

Die Gästeliste unterstrich die politische Dimension des Themas. Unter den Teilnehmenden waren Frank Wetzel, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, sein Pendant im Finanzministerium, Steffen Meyer, sowie KfW-Vorstandschef Stefan Wintels und Martin Blessing, der als Sonderbeauftragter des Bundeskanzlers für Investitionen fungiert. Auch BDEW-Präsident Stefan Dohler, zugleich CEO des Energieversorgers EWE, war vor Ort. Die Veranstaltung trug den Titel „Transformation der Energiewirtschaft“ und machte deutlich, dass die Finanzierung der Energiewende längst nicht mehr nur ein Thema für Ingenieure und Klimapolitiker ist, sondern im Kern eine Kapitalmarktfrage.

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Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, betonte die Dringlichkeit konkreter politischer Schritte: „Das große Interesse aus Energie- und Finanzbranche zeigt: Die Energiewende ist ein Investitionsthema mit enormem Potenzial.“ Die Transformation sei klimapolitisch notwendig, stärke die Resilienz Deutschlands und den Wirtschaftsstandort – gerade vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen aktueller denn je. Den Deutschlandfonds bezeichnete Andreae als wichtiges Element zur Senkung von Finanzierungskosten. Entscheidend sei nun allerdings der politische Wille von Bund und Ländern, „vor allem starke Eigenkapital- und Risikoübernahmeinstrumente auf die Beine zu stellen“. Genau dort liege der größte Hebel, um Projekte finanzierbar zu machen. „Investoren und Energieunternehmen stehen in den Startlöchern“, so Andreae.

VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing richtete den Blick besonders auf die kommunale Ebene. Die Energiewende sei eine Mammutaufgabe, die Staat, Energie- und Finanzwirtschaft nur gemeinsam stemmen könnten. Der Deutschlandfonds habe einen wichtigen ersten Schritt markiert, um privates Kapital für Netze, erneuerbare Energien und die Wärmewende zu aktivieren – doch weitere Maßnahmen müssten zügig folgen. Liebing forderte den Bund auf, Modelle staatlicher Bürgschaften und Garantien zu entwickeln, und verwies zugleich auf die Länder: In allen Bundesländern sollte die Möglichkeit geschaffen werden, dass Kommunen ohne Beeinträchtigung ihrer eigenen Leistungsfähigkeit Kredite aufnehmen können, um diese zur Eigenkapitalstärkung an ihre Stadtwerke für rentierliche Investitionen weiterzuleiten. „Angesichts der enormen Investitionsbedarfe für das Gelingen der Energiewende dürfen Bund und Länder nicht länger auf die Zuständigkeit des jeweils anderen verweisen. Alle müssen einen Beitrag leisten“, mahnte Liebing.

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Auch aus der Beratungsperspektive fielen klare Worte. Hans-Jürgen Walter, bei Deloitte verantwortlich für den Bereich Sustainable Finance weltweit, beschrieb die Energiewende als „Investitionsmarathon, den der Staat allein nicht stemmen kann“. Deutschland müsse sich vom Förderstaat zum Mobilisierungsstaat wandeln und privates Kapital durch gezieltes De-Risking – etwa über den Deutschlandfonds – aktiv hebeln. Gerade Stadtwerke und kommunale Unternehmen bräuchten innovative Finanzierungsmodelle, da ihre Innenfinanzierungskraft begrenzt und ihr Zugang zu Kapitalmärkten eingeschränkt sei. Partnerschaften und maßgeschneiderte Lösungen seien entscheidend, um die klimaneutrale Energieversorgung voranzutreiben und gleichzeitig die lokale Wirtschaft zu stärken.

Der Gipfel verdeutlichte, dass die Debatte um die Energiewende eine neue Phase erreicht hat. Die technischen Lösungen liegen weitgehend auf dem Tisch, die Projekte sind identifiziert. Was fehlt, ist ein verlässlicher Rahmen, der privates Kapital in ausreichendem Umfang in Bewegung setzt. Ob der Deutschlandfonds, staatliche Garantien oder neue kommunale Kreditmodelle – die Instrumente werden konkreter, die Erwartungen an die Politik deutlicher. Entscheidend wird sein, ob Bund und Länder die auf dem Gipfel formulierten Forderungen in den kommenden Monaten tatsächlich in politisches Handeln übersetzen.

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