Vom Weltraum bis in die Antarktis, von intelligenten Implantaten bis zur Frakturheilung ohne Röntgenstrahlung – die Forschungsthemen von Bergita Ganse klingen nach Science-Fiction, sind aber längst klinische Realität. Zum 1. März übernimmt die Medizinerin an der Universität des Saarlandes die Universitätsprofessur für Experimentelle Muskuloskelettale Medizin in der Fachrichtung Chirurgie. Damit erhält sie auf dem Campus Homburg eine dauerhafte Position, nachdem sie dort zuvor die zeitlich befristete Werner-Siemens-Stiftungsprofessur für innovative Implantat-Entwicklung innehatte.
Ihr Kernprojekt trägt den Titel „Smarte Implantate“ und bringt seit 2021 Forschende aus Medizin, Ingenieurwissenschaft und Informatik zusammen. Gemeinsam entwickeln sie maßgeschneiderte Implantate, die im Körper nicht nur passiv verweilen, sondern die Heilung von Knochenbrüchen aktiv überwachen und fördern können. Die Werner-Siemens-Stiftung hat das Vorhaben mit acht Millionen Euro finanziert und steuert zum Abschluss eine weitere Million Euro bei – ein deutliches Signal für die Tragweite der Ergebnisse.
Ganses Forschungsradius reicht weit über den Operationssaal hinaus. In mehreren Projekten kooperiert sie mit der europäischen Weltraumorganisation ESA, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR sowie der US-Raumfahrtbehörde NASA. Dabei geht es unter anderem um den Muskelabbau in der Schwerelosigkeit und die Frage, wie sich der menschliche Bewegungsapparat unter extremen Bedingungen verändert. Aktuell arbeitet sie zudem an einem Vorhaben auf der Concordia-Station in der Antarktis, wo Muskeln und Knorpel unter Isolationsbedingungen untersucht werden. Gefördert werden ihre Projekte unter anderem von der EU, dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG und verschiedenen Bundesministerien.
Dass ihre Arbeit in der Fachwelt Anerkennung findet, zeigte sich zuletzt im Oktober 2025, als die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie Ganse mit dem Innovationspreis auszeichnete. Prämiert wurde ein neuartiges Verfahren, mit dem sich die Frakturheilung mithilfe handelsüblicher Messgeräte überwachen lässt – ganz ohne Röntgenstrahlung. Auch in der Lehre hat sie sich einen Namen gemacht: Unter anderem erhielt sie den zweiten Platz des Preises für Hochschullehre der Homburger Fachschaft Medizin. Ihre Vorlesung zur Weltraummedizin steht bewusst nicht nur Medizinstudierenden offen und zieht Hörerinnen und Hörer aus verschiedenen Fachrichtungen an.
Der Weg zur Professur in Homburg führte Ganse durch ein bemerkenswertes akademisches Panorama. Ihr Medizinstudium absolvierte sie an den Universitäten Halle-Wittenberg und Lübeck, wo sie 2007 promoviert wurde. Es folgten Stationen an der Berliner Charité und der Universitätsklinik Köln, bevor sie von 2011 bis 2014 am DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin das muskuloskelettale System im Weltraum erforschte und sich mit Verletzungen sowie Knochenadaptation bei Seniorenathleten befasste. Seit 2014 ist sie Fachärztin für Physiologie und trägt die Zusatzbezeichnung Sportmedizin, seit 2019 ist sie zudem Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie. Im selben Jahr habilitierte sie sich in Experimenteller Unfallchirurgie an der RWTH Aachen. Seit 2025 führt sie außerdem die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin.
Von 2019 bis 2021 forschte Ganse mit einem DFG-Stipendium an der Manchester Metropolitan University. Parallel dazu leitete sie beim DLR in Köln eine Bettruhestudie, die gemeinsam mit NASA und ESA den Muskelabbau im All simulierte und analysierte. Mit der nun unbefristeten Professur an der Universität des Saarlandes kann sie diese vielfältigen Forschungsstränge langfristig bündeln – und den Campus Homburg als Standort für experimentelle Muskuloskelettale Medizin weiter profilieren.
















