Vierzig Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zieht die Aktion 3.Welt Saar eine nüchterne Bilanz: Die Risiken der Atomkraft seien nicht kleiner geworden, im Gegenteil. Der saarländische Verein, der seit den Tagen des Unglücks in der Anti-AKW-Bewegung aktiv ist, nutzt den Jahrestag am 26. April, um erneut auf die Gefahren dieser Technologie hinzuweisen – und verbindet das Gedenken mit einem breiten Programm aus Veranstaltungen, politischen Forderungen und einem Appell an die eigene Basis.
Die Katastrophe im ukrainischen Tschernobyl am 26. April 1986 steht bis heute als Symbol für die Unbeherrschbarkeit nuklearer Energieerzeugung. Zusammen mit dem Unfall im US-amerikanischen Harrisburg 1979 und der Kernschmelze im japanischen Fukushima 2011 bilde sie eine Kette von Ereignissen, die eines deutlich machten, so der Verein: Atomkraft lasse sich nicht sicher betreiben. Vorstandsmitglied Sascha Zenk verweist zudem auf die aktuellen Kriege in der Ukraine und im Iran, die täglich vor Augen führten, welches Risiko Atomanlagen in Konfliktzonen darstellten. Dass manche politische Stimmen dennoch eine Wiederinbetriebnahme von Kernkraftwerken forderten, hält der Verein für verantwortungslos – und führt ein nüchternes Argument ins Feld: Bis heute sei keine Versicherung weltweit bereit, den vollen Schaden eines Atomunfalls abzusichern.
Auch das Beispiel Frankreich dient der Aktion 3.Welt Saar als Beleg dafür, dass Atomkraft keine verlässliche Energiequelle sei. Im Jahr 2022 mussten zahlreiche französische Kernkraftwerke heruntergefahren werden, weil monatelange Trockenheit die für die Kühlung benötigten gigantischen Wassermengen nicht mehr bereitstellte. Dass das Nachbarland diesen Engpass überstanden habe, sei ausgerechnet dem oft belächelten deutschen Ökostrom zu verdanken gewesen, der in großen Mengen ins französische Netz eingespeist wurde. Atomkraftwerke seien eben keine Geräte, die man nach Belieben ein- und ausschalte, betont der Verein. Die Erinnerung an eine Aktion, bei der die Umweltorganisation Robin Wood mit Unterstützung der Aktion 3.Welt Saar die Kühltürme des grenznahen Kraftwerks Cattenom an der Mosel besetzte, gehört für den Verein ebenfalls zum Erbe des Widerstands.
Neben dem Tschernobyl-Gedenken hat der in Losheim am See ansässige Verein ein dichtes Programm für die kommenden Wochen angekündigt. Am 1. Mai ist die Organisation mit einem Stand beim DGB-Fest auf dem Saarbrücker Schlossplatz vertreten, ab 11 Uhr. Dort will das Team den direkten Austausch mit Bürgerinnen und Bürgern suchen. Am 18. Mai folgt dann eine Veranstaltung, die ein heikles Kapitel der regionalen Sportgeschichte aufschlägt: Unter dem Titel „Blau-schwarz unterm Hakenkreuz: Der 1. FC Saarbrücken und seine Rolle im NS“ beleuchtet Referent Luca Zarbock die nationalsozialistische Vergangenheit des Traditionsvereins. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Filmhaus in der Mainzer Straße 8 in Saarbrücken und wird gemeinsam mit der Heinrich Böll Stiftung Saar organisiert. Ergänzend verweist der Verein auf einen Beitrag seines Geschäftsführers in den Saarbrücker Heften, der sich mit der NS-Vergangenheit des Homburger Waldstadions befasst, in dem der FC 08 Homburg seine Heimspiele austrägt.
Auch abseits der Veranstaltungsbühne bleibt die Aktion 3.Welt Saar aktiv. Die neue Ausgabe der Kolumne „Der letzte linke Kleingärtner“ widmet sich unter dem Titel „Die Verlockungen des Frühlings“ Themen rund um Aussaat, Boden und die grundlegenden Fragen der Ernährung – eingebettet in das vereinseigene Agrarprojekt „ERNA goes fair“. Auf dem Blog des Vereins zu Islamismus und Antisemitismus erschien zudem ein Nachruf auf Salih Muslim, den syrisch-kurdischen Politiker und prominentes Gesicht des Kampfes um Kobâne, der im Alter von 75 Jahren gestorben ist.
Finanziell setzt die Organisation, die bundesweit arbeitet, vor allem auf die Beiträge ihrer Fördermitglieder. Da weder Stiftungen noch staatliche Stellen eine gesicherte Förderung gewährten, seien diese konstanten Zuwendungen die wichtigste Grundlage für Planungssicherheit und unabhängiges Engagement. Die Höhe des Beitrags bestimmt dabei jedes Mitglied selbst. Politische Arbeit, so der Verein, gebe es nicht zum Nulltarif – und der bürokratische Aufwand für einzelne Projektanträge koste Zeit, die man lieber in die inhaltliche Arbeit stecken wolle.




















