Johannes Rebmann spiegelt in seinem Werk "Chronologie der Flut" seine Gemütslage während der Pandemie - Foto: Bill Titze

„Spieglein, Spieglein“ lautete das Motto der Jahresausstellung Homburger Künstlerinnen und Künstler im Saalbau. Märchenhaft klingt das und passt auf gewisse Art in die Zeit. Schließlich wirkt das Leben heute auch surreal und mitunter nicht von dieser Welt. Auch der ein oder andere Künstler hat in der Ausstellung seinen Coronaerfahrungen Ausdruck verliehen, wie ein Besuch zeigt.

Kunstwerke lösen bei jedem Menschen unterschiedliche Reaktionen aus. Ob das nun Freude, Melancholie oder schlicht Unwillen ist – Kunst liegt im Auge des Betrachters. Doch manchmal ist die grundlegende Symbolik so einleuchtend, dass ein kollektives Verständnis für das Gezeigte aufkommen kann. Einfach gesagt heißt das: Jeder kann sich in das Kunstwerk hineinversetzen und beginnt seine Interpretation am selben Startpunkt.

Ein solches Bild hängt auch im Saalbau: Es heißt „Chronologie der Flut“, abgewandelt vom dystopischen Roman „Das Jahr der Flut“ der kanadischen Autorin Margaret Atwood, in der diese eine tödliche Pandemie beschreibt. Auf den ersten Blick würde man das Werk, das als Triptychon konzipiert ist, vielleicht gar nicht unbedingt mit einer Pandemie in Verbindung bringen. Doch die in verschiedenen Strukturen aufgetragenen dunklen Acrylfarben auf den drei Bildtafeln, ein unheilvolles Rot, ein dunkles Blau und ein tiefes Schwarz, lassen bereits erahnen: Die pure Lebensfreude hält hier nicht Einzug. Und spätestens der Blick auf die Jahreszahl 2020 dürfte auch noch in vielen Jahrzehnten beim Blick auf dieses Werk kollektive Erinnerungen auslösen, an ein Phänomen, das im Grunde alle Menschen weltweit wie eine Flut überrollt hat.

Der Homburger Künstler Johannes Rebmann hat dieses Werk geschaffen, und in gewisser Weise die Emotionen, die wohl die meisten im vergangenen Jahr durchlebt haben, mittels Händen, Spachtel und Radiernadel auf die Leinwand gebracht. „Die Pandemie hat mich das ganze Jahr beschäftigt“, erzählt Rebmann. „Eigentlich wollte ich Anfang 2020 mit hellen Farben malen. Doch dann kam Corona und ich habe versucht, meinem inneren Gemütszustand in diesen dunklen Farben zu spiegeln.“ Die Entstehungsgeschichte selbst drückt sich so in „Chronologie der Flut“ aus. Einer Flut, die so plötzlich und unerwartet kam, und das Leben von Millionen, wenn nicht Milliarden Menschen in wenigen Wochen umstülpte und seitdem im Würgegriff hält.

Auch Dr. Francoise Mathis-Sandmaier kann von dieser Plötzlichkeit ein Lied singen. Sie ist die Kuratorin der Ausstellung und musste das Projekt durch die Pandemie navigieren. Brüche inklusive. „Eigentlich hätte die Jahresausstellung am 23. November 2020 eröffnet werden sollen. Die 32 Kunstwerke, die eingereicht worden waren, hatten ihren Platz gefunden. Alles war aufgebaut“, erzählt sie. Dann kam der Lockdown. „Der machte aller Planung einen Strich durch die Rechnung und versetzte die Ausstellung in den Dornröschenschlaf.“ Doch die Werke blieben an Ort und Stelle und konnten nun im April, mit negativem Test und Maske ausgestattet, begutachtet werden. Auch ein Online-Rundgang mit allen Werken wurde eingerichtet.

Dort sieht man auch, dass nicht alle Künstler sich direkt mit Corona auseinandersetzen. Äußerst vielfältig sind die gezeigten Werke, und das sowohl in ihrer Aussage, als auch in ihrem künstlerischen Stil. Plastiken mit Spiegeln, wie die von Eugen Waßmann, konnte man genauso bewundern, wie ein spektakuläres Spiel mit Licht und Farben, das J.P.N. Wiedemann im Werk „Nördliches Licht“ auf die Leinwand gezaubert hat.

Thematisiert ebenfalls Corona: „Der Superspreader“ von Pia Welsch – Foto: Bill Titze

Neben Naturbeobachtungen gab es aber auch Gesellschaftskritisches zu sehen. So stellt Brunhilde Gierends „Im Widerschein“ die heute immer mehr um sich greifende Selbstbespiegelung in den Mittelpunkt und scheut sich dabei auch nicht, den Begriff „Narzissmus“ auf ihrem Werk zu verewigen. „Weise ist, wer mit kluger Voraussicht den Weg in die Zukunft bedenkt, nicht wer hochmütig, stolz und eitel in sich selbst verliebt im Spiegel anschaut und dabei weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft denkt“, schreibt sie in einem Begleittext.

Ob die Künstlerin bei diesem Satz auch an die Pandemie gedacht hat? Zumindest ist die Frage nach der Zukunft selten so akut gewesen wie in diesen Tagen. Auch Johannes Rebmann hat sich in seiner „Chronologie der Flut“ mit diesem Thema beschäftigt. Denn von Bildtafel zu Bildtafel nimmt das dunkle, aber auch hoffnungsvolle Blau zu, unheilvolles Rot und Schwarz wird zurückgedrängt. „Das Werk ist über mehrere Monate entstanden, und die zwischenzeitliche Verbesserung der Lage hat sich bei mir in der Stärkung der Farbe Blau ausgedrückt“, sagt der Künstler. Zumindest für das letzte Jahr war diese Hoffnung bekanntlich etwas verfrüht. Doch vielleicht wird es ja in diesem Jahr zu einem entscheidenden Durchbruch kommen. Dann könnte nicht nur der Ausgangspunkt des Werks für ein kollektives Wiedererkennen sorgen, sondern auch der Endpunkt. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

 

 

 

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