Wenn Tumore Ableger ins Gehirn senden, beginnt für Patientinnen und Patienten ein heikler Balanceakt: Die Strahlentherapie muss bösartige Zellen zerstören, ohne dabei jene Nervenbahnen zu beschädigen, die für Denken, Sprechen oder Bewegen zuständig sind. Genau an diesem Punkt setzt ein neues Forschungsprojekt an, an dem das Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) maßgeblich beteiligt ist – und das nun mit erheblichen europäischen Mitteln ausgestattet wurde.
Die Kliniken für Strahlentherapie und Neuroradiologie in Homburg arbeiten gemeinsam mit Partnern in Luxemburg, Frankreich und Belgien daran, die Hochpräzisionsbestrahlung von Hirnmetastasen weiterzuentwickeln. Aus dem EU-Regionalprogramm Interreg fließen dafür rund 1,12 Millionen Euro in das Konsortium. Zusätzlich beteiligt sich das Saarland mit etwa 92.000 Euro an dem Vorhaben, das unter dem Titel PROTECT-DTI firmiert.
Zum ersten Treffen nach der Förderzusage reisten Fachleute aus der gesamten Großregion ans UKS. Geleitet wird das Projekt vom Regionalen Krankenhausverbund Metz-Thionville, insgesamt acht Partner sind eingebunden. Staatssekretärin Bettina Altesleben überbrachte die Grußworte des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Frauen und Gesundheit. Sie betonte, das Vorhaben zeige, „wie grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der Großregion dazu beiträgt, medizinische Innovation voranzubringen“. Die Forschung ziele darauf ab, Hirnmetastasen präziser und schonender zu behandeln und gesunde Strukturen besser zu schützen – ein Nutzen, der weit über die Region hinausreiche.
Prof. Dr. Markus Hecht, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am UKS, hatte das Konsortialtreffen mit seinem Team organisiert. Für ihn ist die Förderung auch eine Bestätigung der wissenschaftlichen Ausrichtung des Universitätsmedizinischen Zentrums für Tumorerkrankungen des Saarlandes (UTS). „Mit dem UTS verpflichten wir uns nicht nur der interdisziplinären Krebsbehandlung auf höchstem Niveau. Ebenso wollen wir zu einer kontinuierlichen Verbesserung beitragen und wissenschaftlich-basierte Therapieverfahren etablieren“, sagt Hecht.
Metastasen sind Tochtergeschwulste, die sich von einem Haupttumor lösen und in anderen Organen ansiedeln – häufig in Lunge, Leber, Knochen, oft auch im Gehirn. Die moderne Strahlentherapie kann diese Absiedlungen heute bereits sehr gezielt angehen. Doch ein Problem bleibt: In der gängigen Bestrahlungsplanung sind weite Teile funktionell wichtiger Hirnstrukturen schlicht unsichtbar. Vor allem die weiße Substanz, jenes Geflecht aus Nervenbahnen, das als Kommunikationsnetzwerk Signale durch das Gehirn leitet und die Grundlage für Kognition bildet, lässt sich konventionell nicht ausreichend darstellen.
Hier kommt eine besondere Bildgebung ins Spiel. „Es gibt bereits ein spezielles bildgebendes Verfahren, die sogenannte Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI). Mit dieser Technik können wir diese komplexen Faserbahnen dreidimensional darstellen“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Reith, Direktor der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie. Die Herausforderung liege darin, die DTI-Daten so zu harmonisieren, dass sie standortübergreifend in die Bestrahlungsplanung einfließen können. „Die Datenprotokolle müssen vereinheitlicht werden, so dass wir alle auf dieser gleichen Grundlage arbeiten“, so Reith.
Ist diese Hürde genommen, soll eine klinische Studie folgen, in der das neue Verfahren direkt bei Betroffenen erprobt wird. Zugleich wollen die Forschenden untersuchen, wie sich die Nervenbahnen nach einer Strahlentherapie verändern. Erklärtes Ziel ist es, die Ergebnisse anschließend breit verfügbar zu machen. „Es ist uns ein großes Anliegen, dass unsere Erkenntnisse auch anderen Kliniken zur Verfügung stehen“, betont Hecht.
Das Projekt ist zu Jahresbeginn gestartet und läuft bis Ende 2028. Gelingt der angestrebte Durchbruch, könnte die Bestrahlung von Hirnmetastasen künftig deutlich schonender für gesunde Hirnareale werden – mit einem medizinischen Fortschritt, der seinen Ausgangspunkt in der Großregion nimmt, aber Patientinnen und Patienten weltweit zugutekommen soll.



















