Wie sieht die Pflege im Saarland in fünfzehn Jahren aus – und wer wird die wachsende Zahl älterer Menschen versorgen? Antworten auf diese Fragen liefert erstmals der saarländische Pflegeinfrastrukturbericht, den Gesundheitsminister Magnus Jung an diesem Montag in Saarbrücken vorgestellt hat. Die Bestandsaufnahme zeichnet ein differenziertes Bild: Das Land ist in vielen Bereichen solide aufgestellt, steht zugleich aber vor einem Versorgungsdruck, der ohne entschlossenes Gegensteuern kaum zu bewältigen sein wird.
Die demografischen Zahlen sprechen eine klare Sprache. Bis zum Jahr 2040 wird die Gruppe der über 75-Jährigen im Saarland um rund ein Viertel anwachsen – von 116.400 Menschen im Jahr 2021 auf etwa 159.300. Parallel dazu bleibt die Gewinnung von Fachkräften eine der drängendsten Baustellen. „Die Frage, wie wir Pflege künftig organisieren, finanzieren und für die Menschen verlässlich sichern, betrifft nicht nur die Pflegebedürftigen selbst. Sie betrifft Familien, Angehörige, Kommunen und letztlich unsere gesamte Gesellschaft“, betonte Jung bei der Präsentation.
Der Bericht stützt sich auf ein mehrjähriges Analyse- und Beteiligungsverfahren. Grundlage ist ein Gutachten der DIP GmbH gemeinsam mit der AGP Sozialforschung, das Ende 2023 im Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege Saar präsentiert wurde. Ergänzt wurde es durch Rückmeldungen aus Einrichtungen, Praxisgespräche und Erfahrungen aus dem Pflegealltag. Daraus ergibt sich eine Datenbasis, wie sie das Land in dieser Form bislang nicht hatte.
Die Befunde sind vielschichtig. Die häusliche Pflege wird massiv an Bedeutung gewinnen, denn die meisten Betroffenen wollen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben. Im ambulanten Bereich besteht zwar ein flächendeckendes Versorgungsnetz, doch die Zahl der zu versorgenden Personen pro Pflegedienst steigt kontinuierlich. Zwischen 2011 und 2021 hat sich die Zahl der Altenpflegekräfte zwar verdoppelt, ein struktureller Personalaufbau wurde damit aber noch nicht erreicht. Besonderen Handlungsbedarf sieht der Bericht zudem im Feld der jungen Pflege.
Auffällig ist die Diskrepanz bei der Ausbildung: Viele Einrichtungen halten die Zahl ihrer Ausbildungsplätze für ausreichend, klagen aber über zu wenige Bewerbungen. Wer einmal eingestiegen ist, bleibt häufig – die Bindung der Auszubildenden an ihren Versorgungsbereich funktioniere überwiegend gut. Die internationale Fachkräftegewinnung dagegen spielt bislang nicht in allen Häusern eine zentrale Rolle und birgt damit ungenutztes Potenzial.
Die Landesregierung hat das Thema bereits zu Beginn der Legislaturperiode zur Chefsache erklärt. Aus einer Stabsstelle ist inzwischen eine eigene Fachabteilung für Pflege im Gesundheitsministerium entstanden. Die Konzertierte Aktion Pflege Saar bündelt mittlerweile mehr als 360 Akteurinnen und Akteure aus Pflege, Gesundheitswesen, Wissenschaft und Verwaltung. Bis 2030 sollen über sie 4.000 zusätzliche Pflegekräfte für das Saarland gewonnen werden. Erste Wirkung zeigt sich bei den Ausbildungszahlen: Bundesweit stieg die Zahl der Auszubildenden in Pflegeberufen 2025 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um acht Prozent – Rückmeldungen aus den saarländischen Pflegeschulen lassen einen ähnlichen Trend im Land erwarten.
Für die ältere Generation setzt das Land ergänzend auf das Programm „Saar66“, das Gesundheitsförderung, Bewegung und soziale Teilhabe in den Mittelpunkt rückt. „Jeder Monat und jedes Jahr, in dem Menschen länger selbstständig leben können, ist ein Gewinn – für die Betroffenen selbst, für ihre Angehörigen und für unser Gesundheitssystem insgesamt“, so Jung.
Deutliche Worte fand der Minister mit Blick nach Berlin. Die steigenden Eigenanteile in der stationären Pflege belasten Familien zunehmend, weshalb das Saarland weitere Reformen auf Bundesebene einfordert. „Pflegebedürftigkeit darf nicht zu einem unkalkulierbaren Armutsrisiko werden“, mahnte Jung. Das Land setze sich daher für einen Pflegedeckel ein, der die Eigenanteile wirksam begrenzt und mehr Planungssicherheit schafft. Mit dem neuen Bericht, so sein Fazit, liege nun die Datengrundlage vor, „um die richtigen Entscheidungen für die Zukunft der Pflege im Saarland zu treffen“.


















