Der Saalbau in Homburg war am Dienstagabend bis auf den letzten Platz gefüllt, als Wolfgang Niedecken im Rahmen der Reihe HomBuch Exklusiv sein Solo-Programm „Zwischen Start & Ziel“ auf die Bühne brachte. Im Mittelpunkt standen autobiografische Songs, ergänzt durch gelesene Texte und Erinnerungen aus mehreren Jahrzehnten künstlerischer Arbeit. Begleitet wurde der Sänger von Pianist Mike Herting, der mit seinem Spiel den Abend maßgeblich mitprägte.
Wolfgang Niedecken zählt seit Jahrzehnten zu den prägenden Stimmen im deutschsprachigen Rock. 1951 in Köln geboren, studierter Maler, Gründer und Frontmann von BAP, einer der erfolgreichsten Rockbands der Republik. Seine Lieder – im Kölschen Dialekt geschrieben, millionenfach gehört – haben über Generationen hinweg eine kulturelle Spur gelegt. Zwischen „Verdamp lang her“, „Jraaduss“, „Maat et joot“ oder „All die Aureblecke“ sind ganze Lebenslinien deutscher Popgeschichte hörbar. Und Niedecken wurde für sein musikalisches Werk ebenso ausgezeichnet wie für sein gesellschaftliches Engagement, etwa für Projekte in Afrika und den Einsatz für ehemalige Kindersoldaten. Er veröffentlichte Bücher, war über Jahre auf großen Bühnen zuhause und zählt bis heute zu den wenigen Künstlern, deren Handschrift unverwechselbar geblieben ist.

Nun trat er in Homburg nicht mit voller Band, sondern im reduzierten Format auf.„Zwischen Start & Ziel“ heißt seine aktuelle Solotour – ein Konzertabend, der Songs mit Textauszügen und biografischen Notizen verwebt. Ein Format, das nicht in erster Linie auf Lautstärke setzt, sondern auf Nähe. Genau dieses Programm brachte Niedecken am Dienstagabend in den Saalbau, begleitet von Pianist Mike Herting.

Biografie trifft Konzert – und das ohne Inszenierung
Die Dramaturgie des Abends war klar: Musik, dann Erzählung, dann wieder Musik. Der Start mit „Alles relativ“ war ruhig, aber man konnte schnell erahnen, wohin die Reise geht. Danach schaltete Niedecken auf Lesemodus – Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Köln, an ein Elternhaus in der Nachkriegszeit, an erste Akkorde und an die Übungsschleifen von „House of the Rising Sun“, bis sein Vater zur eigenen Gitarre riet. Die Geschichten wurden nicht dramatisiert, sie wurden geschildert. Ungekünstelt, trocken, nah. Und wenn man die Augen schloss, während Niedecken las, dann befand man sich mit einiger Vorstellungskraft in einer mitreißenden Musikdokumentation.

Mit jedem Titel veränderte sich die Stimmung im Saal. Anfangs hörte das Publikum aufmerksam zu, später wurde mitgeklatscht, man merkte: Hier sitzen Menschen, die mit diesen Liedern groß und alt geworden sind oder mit ihnen die unterschiedlichsten Erinnerungen verbinden. Niedeckens Kölsch passte dazu – vertraut für viele, für andere ungewöhnlich, aber nie störend, eher charismatisch charakteristisch. Zwischen ruhigen Abschnitten platzierte er humorvolle Erlebnisse, über die er sogar selbst immer wieder lachen musste und die prompt die Zuschauer mitrissen und noch mehr gute Laune im Saal verbreiteten.

Mike Herting – nicht Begleitung, sondern tragender Part
Dass nur Klavier und Gitarre diese Veranstaltung trugen, vergaß man nach wenigen Minuten. Herting war wunderbar fröhlich aufgelegt und versprühte echte Spiellaune. Er harmonierte absolut perfekt mit Niedeken und legte sich mit den wildesten Piano-Soloeinlagen mächtig ins Zeug. Dabei war es kein Wettspiel, kein Kontrast – vielmehr ein Duo, das sich gegenseitig trägt. Stets sah man, wie sie Blickkontakt halten, sich ohne Worte zur Musik abstimmen und es damit instrumental richitg krachen ließen.

Hymne und Wertigkeit
Viele warteten auf das Lied, mit dem BAP Geschichte schrieb. Es kam nicht als Finale mit Rampenlicht, sondern eingebettet nach fast drei Stunden Programm. Niedecken sang an und der Saal übernahm. Alle stimmten mit ein, klatschten, sangen mit und brachten das echte Konzertfeeling in den Saal.

Für Homburg war dieser Abend ein kultureller Fixpunkt. Die Stadt hat große Konzerte erlebt – Joe Cocker in den 90ern wird bis heute genannt, wenn man die musikalischen Höhepunkte aufzählt. Niedeckens Auftritt war anders: persönlicher, ruhiger, erzählender. Aber er reiht sich ein. Nicht wegen seiner Größe, sondern wegen seiner Wirkung und dem Glück, einen Ausnahmekünstler von solcher Größe in Homburg begrüßen zu dürfen. Möglich machte dies HomBuch-Veranstalter Hans-Joachim Burgardt mit seinem Team, der sich in seiner Ansprache zutiefst bei der Unterstützung von Dr. Theiss Naturwaren bedanke und die anwesenden Geschäftsführer Prof. Dr. Peter Theiss und Giuseppe Nardi persönlich begrüßte.

Immer wieder gerne
Nein es war keine BAP-Revue und auch keine Nostalgie-Show. Dieser Solo-Abend mit Wolfgang Niedeken war ein konzentrierter, biografisch geführter Blick auf ein fulminantes Musikerleben, schlank in der Form, reich im Inhalt. Drei Stunden lang ohne Inszenierung – und gerade dadurch wirkungsvoll. Homburg bekam kein Rockkonzert. Homburg bekam Wolfgang Niedecken in Reinform – nah, fokussiert, unverstellt. Mensch, wat wor dat för e mega jéile Ovend!
Mehr Bilder von Wolfgang Niedeken in Homburg:
Fotos: Stephan Bonaventura











































