Bildtext: Aus Protest gegen den immensen Druck durch den Online-Handel zeigten etwa 45 Gewerbetreibende der Homburger Innenstadt Flagge. Mit zugehängten Schaufenstern demonstrierten sie die zu erwartenden Leerstände im Falle dessen die Politik nichts gegen die Dominanz des Online-Handels unternimmt. - Foto: Stephan Bonaventura
Von Rosemarie Kappler und Stephan Bonaventura

 

Stell dir vor, sie protestieren und keiner geht hin! Zumindest keiner von denen, auf die die Homburger Gewerbetreibenden so existenziell angewiesen sind wie noch nie zuvor: Die Kunden.

Es war gespenstisch am Montag. Auf Anregung von Altstadtinitiative und Gewerbeverein hatten über 45 Geschäftsinhaber für eine Stunde lang ihren Laden – im Wortsinn – dicht gemacht. Schaufenster wurden zugeklebt, Aufkleber mit dem Aufdruck „Hier gibt’s bald nix mehr zu sehen, weil der Druck durch Online-Handel immer mehr steigt“ wurden auf die Scheiben gepappt, die Ladentür verschlossen und das Licht gelöscht. Für eine Stunde lang sollte die City eine Geisterstadt sein in der Kunden vor verschlossenen Türen stehen sollten, damit sich ein Aha-Effekt einstellt. Doch eben dieser Nachmittag zeigte, dass die Innenstadt in Teilen bereits zur Geisterstadt avanciert ist, denn sie bleib nahezu menschenlos.

Marcel Schmitt, Bürgermeister Michael Forster, Thorsten Bruch, Ulrike Stutz und Manuela Brengel beim Presstermin auf dem Historischen Marktplatz – Bild: Stephan Bonaventura

Das sei inzwischen bereits Gewohnheitszustand, bemerkte Gewerbevereinsvorsitzender Marcel Schmitt. Daher gebe es Parkplätze ohne Ende, „und dennoch stehen immer noch Fahrzeuge im Halteverbot.“ Ein Stich in Richtung Kunden. Und gleich noch einer hinterher, diesmal in Richtung Politik: Der Lockdown light sei im Grunde wie ein richtiger Lockdown: „Weil die Gastronomie geschlossen sein muss fehlen Möglichkeiten, wo Innenstadtbesucher Platz nehmen, sich entspannen und auf den Einkaufsbummel einstellen können. Gerade das wäre für das Weihnachtsgeschäft wichtig.“

Mit der Schaufenster-Verhüllungsaktion wolle man insbesondere darauf aufmerksam machen, wie es aussehen könnte, wenn der Druck weiter durch den Lockdown wächst. Ein Druck, der für die Gewerbetreibenden, die von morgens bis abends hinter der Ladentheke stehen, bereits mörderisch ist. „Wenn man dann auch noch mitbekommt, wie offiziell den Menschen dazu geraten wird, zuhause zu bleiben und lieber online zu bestellen, weil das sicherer ist, dann ist das Ganze nicht mehr zu verstehen“, so Ulrike Stutz, Vorsitzende der Initiative Homburger Altstadt.

Natürlich gebe es Menschen, die einfach Angst haben, vor die Tür zu gehen. Doch der Umkehrschluss aus den Empfehlungen bedeute: „Die Innenstadt stirbt, die Kaufleute kommen in Bredouille. Beim ersten richtigen Lockdown mussten viele von uns an ihre Ersparnisse gehen. Jetzt ist ist der Lockdown noch länger. Wir dürfen zwar unsere Geschäfte öffnen, haben aber keine Umsätze. Entschädigung gibt es keine. Das ist von der Politik komplett nicht gut gedacht worden; viele werden ums Überleben kämpfen, manche Läden sind bereits weg.“

Auch Stefan Petri (r.), Inhaber von Galileo-Outdoor, machte bei der Aktion mit. – Bild: Stephan Bonaventura

Stutz und ihre Stellvertreterin Manuela Brengel wissen von bereits fünf Geschäften alleine in der Saarbrücker Straße, die schließen mussten: „Von der Eisenbahnstraße rede ich erst gar nicht.“ Bewusst habe man die Protestaktion an den Monatsanfang gerückt, weil das die Chance in sich birgt, dass der ein oder andere Kunde den Gedanken beleuchtet, das vor Ort zu kaufen, was hier erhältlich ist und von den Kaufleuten vorgehalten wird, bevor man online einkauft. Nur so könnten Schließungen, Kündigungen, Steuereinnahmeverluste und eine verödende City verhindert werden. Auch Gewerbeverinsvorssitzender Schmitt hofft, dass sich gerade die, die sämtliche Geschenke online ordern, sich dieser Konsequenzen bewusst werden. Sein Stellvertreter Thorsten Bruch geht noch einen Schritt weiter: „Ich denke, dass es Zeit wird, dass auch die Lokalpolitik sich mit einer Resolution hinter die Gewerbetreibenden stellt und versucht Hilfen zu finden. Es muss bewusst werden, dass es so nicht weitergehen kann, die Lokal- und Bundespolitik muss Lösungen für den stationären Handel finden, oder restriktiver mit dem Online-Handel umgehen. Da muss nach Möglichkeiten einer Koexistenz gesucht werden.“

Thosten Bruch, stellv. Vorsitzender des Homburger Gewerbevereins fordert von der Politik mehr Unterstützung. – Bild: Stephan Bonaventura

Bürgermeister Forster fasst den aktuellen Stand der Dinge im Gespräch mit HOMBURG1 zusammen: „Ich sehe die Bedenken der Händler als sehr ernst. Der Onlinehandel bedroht den Einzelhandel in den Innenstädten schon lange und die Corona-Situation verschärft dies noch. Auch die Schließung der Restaurants beschleunigt das Fernbleiben der Menschen, eigentlich hat man ja gerde jetzt in der Vorweihnachtszeit ein großes Einkaufserlebnis. Es werden aber nach meiner Wahrnehmung momentan nur Nutzkäufe gemacht.“ Als Stadt versuche man schon jetzt durch viele gut angenommene Veranstaltung, man nehme die Vielzahl an Märkten oder auch den großen Publikumsmagnet Musiksommer, Leute in die Stadt zu locken. „Hieran müssen wir weiterarbeiten. Das geht nur wenn Stadt und Gewerbe gemeinsam versuchen die Belebung der Stadt hoch zu halten. Wir haben hier schon einen regelmäßigen Autausch und wollen diesen auch intensivieren“, so Forster.

Die Sorgen der Gewerbetreibenden hat längst auch Unternehmer Giuseppe Nardi erkannt, der rund um den Historischen Marktplatz das Oh!lio, Vin!oh und Gelat!oh betreibt. Mit seinen Restaurants ist er selbst stark betroffen, hat unlängst mit einem Lieferservive reagiert und unterstützt die Aktion der Händler: „Der Einzelhandel musste nicht schließen, ist aber dennoch stark betroffen von den Corona-Beschränkungen. Da die Gastronomie geschlossen ist und die Kunden somit einen wichtigen zusätzlichen Anreiz verlieren, zum Einkauf in die Innenstadt zu gehen, verschlimmert die Lage. Der Einzelhandel und die Gastronomie bilden eine wichtige Symbiose, die eine Stadt für ein positives Erlebnis der Besucher benötigt. Insbesondere der kleine, inhabergeführte Einzehlandel braucht die Unterstützung von uns allen und sollte auch mit Hilfen der öffentlichen Hand bedacht werden, weil nur so unattraktive, leere Innenstände vermieden werden können.“

Die Innenstadt ist zurzeit einfach toll geschmückt und festlich beleuchtet. Die, für die der Lichterglanz bestimmt ist, fehlen bedauerlicherweise. Vielleicht setzt der als Hilfeschrei zu verstehende Protest der Homburger Gewerbetreibenden ein paar Impulse zur kritischen Selbstreflektion. Inzwischen gibt es zumindest einen leisen Hoffnungsschimmer für Händler: Die Überbrückungshilfe III ab kommenden Jahr berücksichtigt unter bestimmten Voraussetzungen auch die Arbeitsleistung von Gewerbetreibenden, die rund ums Jahr versuchen, Kunden in die Innenstädte zu bringen und jetzt ums nackte Überleben kämpfen. Ein bißchen Solidarität war am Montag immerhin zu spüren. Verwaltung und Politik waren mit gut einem Dutzend Vertretern vor Ort und nahmen bei einem Rundgang die Atmosphäre in sich auf. Aus Sicht von Thorsten Bruch ist es nicht mehr Fünf vor Zwölf, aber auch noch nicht Fünf nach Zwölf, sondern Zwölf. Spute sich also, wer sich sputen kann, um zu helfen.

 

 

 

 

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