Es dürfte sicherlich ein Abend voller Emotionen, herzlicher Umarmungen und so mancher Träne im Augenwinkel gewesen sein. Am vergangenen Wochenende war es so weit: Franca Grupico hat im „La Fattoria“ in Sanddorf ihre letzte offizielle Schicht geleistet. Damit endete nicht nur ein gewöhnlicher Arbeitstag, sondern ein gewaltiges Kapitel kulinarischer Homburger Zeitgeschichte. Nach 43 Jahren in der Gastronomie verabschiedet sich eine Frau in den Ruhestand, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Salvatore die kulinarische und kulturelle Seele der Stadt über Jahrzehnte hinweg geprägt hat wie kaum eine andere.
Wer heute auf das Lebenswerk der Grupicos blickt, muss weit zurückgehen. Die Geschichte begann nicht in einer Küche, sondern in einem Friseursalon, in dem Franca damals arbeitete. Dort begegnete sie Salvatore zum ersten Mal – ein zufälliges Treffen, das den Grundstein für eine außergewöhnliche Partnerschaft legte. Aus dieser Begegnung erwuchs der Mut, am 1. April 1981 in der Dürerstraße in Homburg-Erbach die erste eigene Pizzeria zu eröffnen.
Es folgten Jahrzehnte der harten Arbeit, geprägt von Leidenschaft und einer Gastfreundschaft, die weit über das Servieren von Speisen hinausging. Die Grupicos bauten sich eine Stammkundschaft auf, die über Generationen hinweg hielt. Gäste, die damals als junge Erwachsene in Erbach einkehrten, besuchten Franca bis zuletzt in Sanddorf – mittlerweile oft in Begleitung ihrer eigenen Enkelkinder. Nachdem eine langwierige Baustelle in Erbach neue Wege erforderlich machte, fanden sie 2007 in der ehemaligen „Baurestubb“ in Sanddorf ihre finale gastronomische Heimat. Das „La Fattoria“ wurde mit seinem idyllischen Biergarten schnell zum Inbegriff für gemütliche, italienische Abende in familiärer Atmosphäre.
Spricht man über Franca Grupico, spricht man unweigerlich über das Herz der Stadt. Gemeinsam mit Silvio Natale und weiteren engagierten Gastronomen war sie die treibende Kraft hinter der legendären Festa Italiana. Was 1993 als spontane Idee zur Einweihung der Talstraße begann, entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Stadtfeste der Region. Über 20 Jahre lang verwandelte Franca den Christian-Weber-Platz in eine pulsierende italienische Piazza.
Unter ihrer Ägide gaben sich Weltstars in Homburg die Klinke in die Hand. Ob Toto Cutugno zum 20-jährigen Jubiläum, Umberto Tozzi, Giovanni Zarrella oder Beatrice Egli – Franca brachte den Glanz der großen Bühne in die Kreisstadt. Doch bei all dem Trubel vergaß sie nie das Wesentliche: den sozialen Gedanken. Über aufwendige Tombolas wurden Jahr für Jahr enorme Summen gesammelt, die unter anderem dem Ronald-McDonald-Haus an der Uniklinik zugutekamen. Dass die Festa heute nicht mehr existiert, schmerzt viele Homburger bis heute; sie war das Symbol für den Homburger Sommer.
Franca war nie eine Frau, die sich nur über den Kochlöffel definierte. Als Mutter von drei Kindern und vierfache Großmutter war sie der Anker ihrer Familie, die trotz der kräftezehrenden 80-Stunden-Wochen in der Gastronomie immer an erster Stelle stand. Diese Energie brachte sie auch in ihr gesellschaftliches Engagement ein. Seit über zwei Jahrzehnten ist sie Mitglied im Ortsrat Jägersburg und vertritt als Stadträtin der FWG-Fraktion eine bodenständige, bürgernahe Politik. Sie kennt die Sorgen der Menschen, weil sie ihnen über Jahrzehnte Tag für Tag am Tisch zugehört hat.
Der Abschied am vergangenen Wochenende war ein Kraftakt der Gefühle. In den letzten Januartagen war der Andrang im Sanddorf so gewaltig, dass Franca vielen Stammkunden absagen musste. „Es waren einfach zu viele, die persönlich ‚Tschüss‘ sagen wollten“, blickt sie gerührt auf die letzten Tage zurück. Salvatore, der gesundheitsbedingt bereits früher kürzertreten musste, und Franca können nun gemeinsam auf ein Lebenswerk blicken, das weit über gutes Essen hinausgeht.
Doch das „La Fattoria“ bleibt Homburg erhalten. Mit Mila Khalil und Peter Pfeifer stehen die Nachfolger bereits in den Startlöchern. Nach einer kurzen Renovierungsphase soll im März die Neueröffnung gefeiert werden. Und wer Franca kennt, weiß, dass sie nicht von heute auf morgen ganz verschwinden kann: In der ersten Zeit wird sie die neuen Betreiber begleiten und im Service unterstützen – ein sanfter Übergang für eine Frau, die das Gastgeben im Blut hat.
Ihr letzter Wunsch als aktive Chefin bleibt eine Herzensangelegenheit: „Schenken Sie meinen Nachfolgern das gleiche Vertrauen und die gleiche Herzlichkeit, die Sie mir und meinem Salvatore all die Jahre geschenkt haben.“ Franca Grupico hat Homburg nicht nur bewirtet, sie hat die Stadt mit ihrer Herzlichkeit ein Stück besser gemacht. Ihr Abschied markiert das Ende einer großen Ära, doch ihre Spuren im Sanddorfer Hinterhof und in den Herzen der Homburger werden noch lange bleiben.
Alle Bilder: Friedel Simon

























































