Im Stadtarchiv wurde im Rahmen einer Corona bedingt nur kleinen Gedenkfeier an die Deportation saarländischer Juden am 22. Oktober 1940 in das Lager Gurs gedacht. Dr. Sabine Graf, der Historiker Roland Paul und der Kulturbeigeordnete Raimund Konrad präsentierten dabei die Wanderausstellung „Gurs 1940“. - Foto: Rosemarie Kappler

In Zeiten eines wachsenden Antisemitismus braucht es neben couragierten Bürgern vor allem das Erinnern, um sich stetig die möglichen Konsequenzen bestimmter Haltungen vor Augen zu führen. Die Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes hat dem Erinnern auf die Sprünge geholfen und lenkt seit dem 22. Oktober den Blick auf die 134 saarländischen Juden, die exakt 80 Jahre zuvor in das Internierungslager Gurs (sprich Gürs) am Rand der französischen Pyrenäen deportiert wurden. Nur 30 Menschen überlebten. 74 wurden im Vernichtungslager Ausschwitz ermordet, 30 weitere starben in Gurs und in dortigen Nachbarlagern.

Auf der 24 Hektar großen Lagerfläche waren im Zeitraum von 1939 bis 1945 insgesamt 61.000 Menschen in den 382 Holzbaracken eingepfercht. Alleine im Oktober 1940 wurden 6.500 jüdische Mitbürger aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in Zügen in das 1.200 Kilometer entfernte Internierungslager verbracht. Das Lager war 1939 errichtet worden um nach dem spanischen Bürgerkrieg geflohene Angehörige der Republikanischen Garden festzusetzen. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich wurde hier „feindliche Auslänger“ gefangen gehalten.

Bis 1943 war Gurs Sammellager für gefangene Juden, die vielfach von hier aus in die Vernichtungslager Ausschwitz und Sobibor verschleppt wurden. 1944 waren hier Sinti und Roma interniert, danach Kriegsgefangene und Kollaborateure. Die saarländische Landesregierung hat in Erinnerung an die Deporation der 134 Juden vor 80 Jahren eine Internetseite mit einer Fülle an Informationen am eigentlichen Gedenktag, dem 22. Oktober, freigeschaltet. Dr. Sabine Graf und der Historiker Roland Paul hatten zeitgleich im Stadtarchiv Homburg in kleinem Rahmen eine Gedenkveranstaltung organisert. Hier sollte ganz offiziell die von der Landeszentrale für politische Bildung erarbeitete Wanderausstellung „Gurs 1940“ und ein begleitendes Faltblatt vorgestellt werden.

Wegen Corona war dies nun lediglich in stark eingeschränktem Maße möglich. Graf wies darauf hin, dass die offizielle Ausstellungseröffnung zwar nun erst einmal auf den 8. April 2021 verschoben wurde, dass man aber nichtsdestotrotz den 22. Oktober als Gedenktag ins Bewusstsein rücken wollte. Homburg wurde deshalb gewählt, weil damals eine recht große jüdische Gemeinde das Leben in der Stadt mitgeprägt hatte. Die Reste der Synagoge und die im letzten Jahr am Marktplatz eingeweihte Gedenkstätte erinnern daran, wenngleich dies für manche Bürger in der Stadt noch nicht als ausreichend angesehen wird. Sie wünschen sich weiterhin Stolpersteine. Auch eine Schüler-Arbeitsgruppe um Matthias Pöhler am Saarpfalz-Gymnasium will diese Idee weiterentwickeln. Doch zunächst konzentrieren sich die Schüler auf die Entwicklung einer App mit Stationen zum früheren jüdischen Leben in der Stadt Homburg, wie Pöhler bei der Veranstaltung im Stadtarchiv berichtete. Dort erläuterte Sabine Graf, dass die Landeszentrale für politische Bildung die Wanderausstellung „Gurs 1940“ so konzipiert hat, dass jeder Landkreis und der Stadtverband Saarbrücken je einen Satz der 26 Info-Tafeln im Format Din-A1 kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, der dann an verschiedensten Orten gezeigt werden kann.

Mit Inhalten gefüllt hat das Projekt vor allem der Historiker Roland Paul aus Kaiserslautern. Er hat unter anderem bei zwei Aufenthalten im Departementsarchiv im französischen Pau die Lagerkartei aus Gurs ausgwertet. Seine Recherchen ergaben, dass seit 1939 rund 500 Menschen aus dem Saarland in Gurs interniert waren. Ihre Namen sollen ergänzt werden durch die von Max Hewer ermittelten saarländischen Spanienkämpfer. Manche Biografien der im Lager Gurs internierten Saarländer sind recht gut erhalten und überliefert. Das Schicksal der Homburger Familie Salomon ist dabei exemplarisch für jene jüdischen Gefangenen, die die Leidenszeit im Lager Gurs überlebten. Die Familie Salomon konnte mit ihren beiden Kindern im Juli 1941 im Zuge der damaligen Beurlaubungen das Lager verlassen. Sie kamen bei Verwandten in Limoges unter und organisierten von dort ihre Ausreise in die USA.

Wer das Glück hatte, über Geld zu verfügen und in Übersee eine Familie hatte, die als Bürge eintrat, der konnte den Weg der Emigration wählen. Zwischen 1941 und 1942 waren das rund 500 in Gurs internierte Juden. Im Falle der Familie Salomon war es die Mutter von Alice Salomon die bürgte. Die in Amerika lebenden Verwandten bezahlten 1.530 Dollar für die Tickets. Nach Erhalt der Visa im November 1941 warteten der Vater im Lager Les Milles und Alice Salomon mit den Kindern Mathel und Fred im überfüllten Hotel „Le Levant“ in Marseille auf ihre Ausreise. Sie gelangten im Januar 1942 über Casablanca nach New York. Die kleine Mathel Salomon aus Homburg war zum Zeitpunkt ihrer Deporation nach Gurs gerade mal zwei Jahre alt und damit die Jüngste unter den 134 im Rahmen der „Wagner-Bürckel-Aktion“ gefangenen Juden. Die beiden Gauleiter Robert Wagner und Josef Bürckel hatten sich zum Ziel gesetzt Baden und die Saarpfalz als judenfreie Regionen nach Berlin zu melden.

Bei der Veranstaltung im Stadtarchiv hielt der Kulturbeigeordnete Raimund Konrad fest, dass das Erinnern und Mahnen wichtig für heutige und künftige Generationen ist, „um Verbrechen jedweder Art gegen die Menschlichkeit aus unserer Gesellschaft zu verbannen.“

 

 

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