Die aus München angereiste Autorin Barbara Lesciejewski las in der St. Ingberter Stadtbücherei vor Publikum. — Foto: Sonja Colling-Bost
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Bewunderung und Beklemmung lagen in der St. Ingberter Stadtbücherei dicht beieinander. Als Barbara Lesciejewski ihren Roman „Am Meer ist es schön“ vorstellte, hingen die Zuhörerinnen und Zuhörer an ihren Lippen – und manche von ihnen kämpften zugleich mit Erinnerungen, die das Buch unweigerlich an die Oberfläche spülte.

Die aus München angereiste Autorin, eingeladen vom Internationalen Literaturforum (ILF), trug ihren Text mit einer Präzision vor, die fast schon Bühnenqualität besaß. Jede Pause saß, jede Betonung griff. Doch die Faszination für ihre Vortragskunst war nur die eine Seite des Abends. Die andere war das Thema selbst: die sogenannte Kinderverschickung der Nachkriegsjahrzehnte, ein Kapitel deutscher Sozialgeschichte, das viele im Publikum aus eigenem schmerzhaftem Erleben kannten.

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Im Mittelpunkt des Romans steht die achtjährige Susanne. „Am Meer ist es schön“, versichern ihr die Eltern, bevor sie zu einer mehrwöchigen Kur an die Nordsee aufbricht. Was das Mädchen im „Haus Morgentau“ tatsächlich erwartet, hat mit Erholung wenig zu tun. Wer den Teller nicht leer aß, gegen Regeln verstieß oder Widerspruch zeigte, wurde von den Erzieherinnen gedemütigt und körperlich gezüchtigt. Die Post nach Hause wurde gelesen, gefiltert, zensiert – ein Hilferuf an die Eltern war ausgeschlossen. Jahrzehnte später holt das Erlebte die erwachsene Frau ein, bis sie sich entschließt, ihrem Trauma endlich ins Auge zu sehen.

In seiner Einführung skizzierte Jürgen Bost den Werdegang der Autorin: ein Kind des Kuseler Landes, das zum Studium von Literatur, Linguistik und Theaterwissenschaft nach München ging. Nach Stationen als Regieassistentin und Synchroncutterin sattelte Lesciejewski vollständig aufs Schreiben um und legte seither eine beachtliche Reihe von Romanen vor. Der ILF-Sprecher würdigte besonders die akribische Recherche, das feine psychologische Gespür für ihre Figuren und die ruhige Sicherheit, mit der sie die Handlung auf zwei Zeitebenen entfaltet.

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Das anschließende Publikumsgespräch kreiste vor allem um die dunkle Realität hinter dem Roman. Rund neun Millionen Kinder durchliefen in den Nachkriegsjahrzehnten Verschickungsheime, betrieben von einer vierstelligen Zahl an Einrichtungen – ein Geschäftsmodell, dem erst Pillenknick und Wohlstandsgesellschaft den Boden entzogen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung und öffentliche Wahrnehmung ließen erstaunlich lange auf sich warten.

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Unter den Gästen war auch Jupp Feilen aus Völklingen, Landeskoordinator Saar für die Aufarbeitung dieses lange verdrängten Themas. Er steuerte aufschlussreiche Hintergründe bei, unter anderem zu den sogenannten „Röchlingkindern“ – und machte deutlich, wie viel an Erinnerungsarbeit im Saarland noch zu leisten bleibt. Der Abend in St. Ingbert war damit weit mehr als eine Lesung: Er wurde zum Resonanzraum für eine Generation, die endlich gehört werden möchte.

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