Hybride Attacken auf Pipelines, eine durch Krieg erschütterte Gasversorgung und die wachsende Abhängigkeit von globalen Lieferketten: Die Bedrohungslage für die Energieversorgung in Deutschland und Europa hat sich grundlegend verschoben. Vor diesem Hintergrund hat der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) eine internationale Vergleichsstudie vorgelegt, die zeigt, wie andere Staaten ihre Energiesysteme krisenfest aufstellen – und woran es hierzulande noch hakt.
Erarbeitet wurde die Untersuchung von HIC Consulting im Auftrag des Verbandes. Sie betrachtet ausgewählte Länder und ihre strategische Resilienzplanung und leitet daraus Impulse für die deutsche Debatte ab. Im Kern steht ein erweitertes Verständnis von Krisenfestigkeit: Es geht nicht nur darum, Ausfälle zu vermeiden, sondern auch darum, nach Störungen schnell wieder handlungsfähig zu werden und strukturell aus jeder Krise zu lernen.
„Die Energiekrise infolge des russischen Angriffskrieges, hybride Angriffe auf kritische Infrastrukturen und bestehende Importabhängigkeiten führen deutlich vor Augen, dass ein resilientes Energiesystem integraler Bestandteil unserer Energiepolitik sein muss“, erklärt Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung. Sie verweist zugleich auf bereits erreichte Fortschritte: Die Diversifizierung der Gasbezüge, die Umsetzung der NIS-2-Richtlinie und das KRITIS-Dachgesetz hätten die Widerstandsfähigkeit spürbar erhöht. Funktionierende Märkte, vielfältige Akteure und unternehmerische Eigenverantwortung blieben dabei tragende Säulen.
Der internationale Blick offenbart jedoch eine Lücke. In vielen der untersuchten Länder existiert eine klar benannte Federführung für Energieresilienz, ergänzt um eine übergeordnete Strategie, die Stressszenarien, geopolitische Unsicherheiten und die Rolle der Zivilgesellschaft systematisch einbezieht. Genau diese politische Klammer fehlt nach Lesart des Verbandes in Deutschland bislang.
Daraus leitet der BDEW drei Forderungen ab. Erstens brauche es eine ressortübergreifend federführende Stelle mit klarem Steuerungsmandat, angesiedelt etwa im Bundeswirtschaftsministerium oder im Bundeskanzleramt. Zweitens müsse der bereits gestartete Resilienzdialog zwischen Staat und Energiewirtschaft verstetigt werden. Und drittens bedürfe es einer hochrangig verankerten nationalen Resilienzstrategie, die der Versorgungssicherheit einen neuen, erweiterten Rahmen gibt.
Dass die Branche längst nicht abwartet, betont Andreae ausdrücklich. Die Energiewirtschaft arbeite eng mit den zuständigen Bundesministerien sowie der Bundesnetzagentur zusammen und ziehe „unter Hochdruck“ Konsequenzen aus sicherheitsrelevanten Vorfällen. Die strukturelle Verantwortung jedoch lasse sich nicht allein auf Unternehmen abwälzen – sie verlange politische Steuerung auf höchster Ebene.
Für den Verband ist die Botschaft eindeutig: Ein krisenfestes Energiesystem ist nicht bloß Vorsorge, sondern ein harter Standortfaktor. „Ein resilientes Energiesystem ist ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit des Standorts Deutschland“, so Andreae. Die Studie biete eine Grundlage, „um die strategische Vorsorge gemeinsam mit der Politik auf die nächste Stufe zu heben“. Damit liegt der Ball nun im Feld der Bundesregierung.


















