
Monatelange Wartezeiten auf einen Therapieplatz, steigende psychische Belastungen in der Bevölkerung – und ausgerechnet jetzt sollen die Honorare für ambulante Psychotherapeuten sinken. Gegen dieses Vorhaben der Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenversicherungen formiert sich im Saarland breiter Widerstand: Am 29. März um 11 Uhr wollen Studierende, Berufsverbände und politische Jugendorganisationen gemeinsam auf dem Saarbrücker Landwehrplatz unter dem Motto „Kürzungen stoppen, Psychotherapie sichern“ demonstrieren.
Getragen wird der Protest von einem ungewöhnlich breiten Bündnis. Der Fachschaftsrat Psychologie der Universität des Saarlandes, die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) Landesgruppe Saarland und der Berufsverband der Vertragspsychotherapeuten Saarland (bvvp) haben sich mit den Jusos Saar, der Grünen Jugend Saar und den Jungen Liberalen Saarland zusammengetan. Dass Nachwuchsorganisationen dreier Parteien gemeinsam mit Fachverbänden auf die Straße gehen, unterstreicht die Dringlichkeit, die alle Beteiligten dem Thema beimessen.
Konkreter Auslöser ist die von den GKV-Spitzenverbänden geplante Kürzung der Vergütung für niedergelassene Psychotherapeuten um 4,5 Prozent. Timmi Schüßler, Psychologiestudent, stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos Saar und Mitinitiator der Demonstration, findet dafür deutliche Worte: „Die Kürzungen sind ein neuer Tiefpunkt im politischen Umgang mit psychischen Erkrankungen. Während die Bevölkerung mental immer belasteter ist, die Zahl der erkrankten Kinder und Jugendlichen seit der Pandemie in die Höhe schießt, fällt den gesetzlichen Krankenkassen nichts Besseres ein als in der Versorgung zu kürzen.“ Schon heute müssten Betroffene im Saarland mehrere Monate auf einen Therapieplatz warten. Viele Therapeuten würden bei sinkenden Kassenhonoraren verstärkt Privatpatienten aufnehmen, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen – was die Lage für gesetzlich Versicherte weiter verschärfen dürfte.
Auch aus wissenschaftlicher Perspektive stößt das Sparvorhaben auf scharfe Kritik. Inka Schmitz, Psychologiestudentin und Vertreterin des Fachschaftsrats an der Universität des Saarlandes, ordnet die Zahlen ein: „Die geplanten Kürzungen würden die Gesamtkosten der gesetzlichen Krankenversicherungen um lächerliche 0,05% senken – dafür aber gravierende Folgen haben.“ Sie verweist darauf, dass bereits heute 19 Prozent aller Krankheitstage auf psychische Erkrankungen zurückgehen. Eine Verschlechterung der ambulanten Versorgung würde diesen Anteil voraussichtlich weiter in die Höhe treiben. Der daraus resultierende Produktivitätsverlust, so Schmitz, übersteige die eingesparten Mittel um ein Vielfaches. Hinzu komme, dass fehlende frühzeitige Behandlung mehr Menschen in stationäre Klinikaufenthalte treibe – mit entsprechender Überlastung des Systems.
Die Organisatoren belassen es nicht bei Kritik, sondern formulieren drei konkrete Forderungen. Erstens verlangen sie die vollständige Rücknahme der geplanten Honorarkürzung. Zweitens mahnen sie einen verlässlichen finanziellen Rahmen für die 2019 reformierte Psychotherapieausbildung an. Ohne diesen, warnt Schüßler, würden ab diesem Jahr keine neuen Psychotherapeuten mehr ausgebildet. Drittens drängt das Bündnis auf eine Reform der Kassensitzvergabe. „Es ist völlig absurd, dass es eigentlich genug Psychotherapeuten in diesem Land gibt, aber viele von ihnen keine Erlaubnis erhalten sich niederzulassen, weil die Krankenkassen so tun, als gäbe es kein Versorgungsproblem“, kritisiert Schüßler. Wer angesichts monatelanger Wartezeiten behaupte, die Versorgung sei ausreichend, verweigere sich der Realität.
Die Demonstration richtet sich damit nicht nur gegen eine einzelne Sparmaßnahme, sondern gegen eine aus Sicht der Veranstalter grundsätzliche politische Vernachlässigung psychischer Gesundheit. Ob der Protest auf dem Landwehrplatz Gehör findet, wird sich zeigen – die Breite des Bündnisses jedenfalls sendet ein deutliches Signal.




















