Symbolbild
Anzeige

Zwei Drittel der deutschen Unternehmen betrachten Quantencomputing als Chance – doch gerade einmal acht Prozent setzen sich bereits intensiv mit der Technologie auseinander. Diese Kluft zwischen Erwartung und Handeln offenbart der neue Studienbericht „Quantencomputing in der deutschen Wirtschaft 2026″, den der Digitalverband Bitkom am 30. März veröffentlicht hat. Für die repräsentative Erhebung befragte Bitkom Research zwischen Oktober und November 2025 insgesamt 607 Unternehmen ab 100 Beschäftigten aus dem verarbeitenden Gewerbe und dem Dienstleistungssektor.

Die Zahlen zeichnen ein widersprüchliches Bild. 80 Prozent der befragten Firmen stufen Quantencomputing als bedeutsame Zukunftstechnologie für die deutsche Wirtschaft ein, 56 Prozent rechnen damit, dass ihre Wettbewerber die Technologie nutzen werden. Gleichzeitig geben 64 Prozent an, zunächst abwarten zu wollen, welche Erfahrungen andere machen. Nur 27 Prozent befassen sich bislang weniger intensiv mit dem Thema, 42 Prozent planen dies für die Zukunft oder können es sich zumindest vorstellen. „Quantencomputing ist derzeit noch keine Technologie, die sich in der Breite der Wirtschaft einfach nutzen lässt“, sagte Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. „Quantencomputing hat aber das Potenzial, ganze Branchen zu verändern, von der Materialforschung und der Gesundheitsversorgung über die Logistik bis zum Einzelhandel.“

Anzeige

Die Technologie, die Effekte der Quantenphysik für besonders komplexe Berechnungen nutzt, verspricht Durchbrüche etwa in der Medikamentenentwicklung oder der Optimierung von Lieferketten – Aufgaben, an denen klassische Rechner scheitern. Zugleich birgt sie erhebliche Risiken für die IT-Sicherheit: 94 Prozent der Unternehmen sehen darin grundsätzlich eine Gefahr für ihre digitale Infrastruktur. Allerdings schätzen nur 44 Prozent dieses Risiko als groß ein, während die Hälfte es als eher gering bewertet. Bemerkenswert ist, dass selbst unter jenen Firmen, die sich aktiv mit Quantencomputing beschäftigen, ein Drittel noch keinerlei Vorkehrungen getroffen hat. Immerhin 46 Prozent haben Risikoabschätzungen oder Schwachstellenanalysen vorgenommen oder planen solche, 29 Prozent arbeiten an der Umstellung auf quantensichere Verschlüsselung.

Was die Unternehmen konkret bremst, ist vor allem der Mangel an Personal und Fachwissen. 65 Prozent nennen fehlende personelle Ressourcen als größtes Hindernis. Dahinter rangieren Unsicherheiten über regulatorische Vorgaben und Zweifel an der technologischen Reife mit jeweils 61 Prozent. Mehr als die Hälfte hat keinen Überblick über vorhandene Angebote und geeignete Anwendungsbeispiele, 54 Prozent fehlt grundlegendes Wissen über Technologie und Risiken. Auch ein unklarer wirtschaftlicher Nutzen, eingeschränkter Zugang zu Hardware und Testinfrastrukturen sowie knappe Budgets stehen einer intensiveren Beschäftigung im Weg.

Im internationalen Vergleich fällt das Selbstbild der deutschen Wirtschaft ernüchternd aus. Lediglich drei Prozent sehen Deutschland als weltweit führend, 35 Prozent verorten das Land im Mittelfeld, 29 Prozent sogar als Nachzügler. Die USA gelten mit 32 Prozent als unangefochtene Spitze, gefolgt von China mit 14 und Japan mit 13 Prozent. „Europa ist in der Quanten-Forschung stark, bei der Mobilisierung von privatem Kapital und der Überführung der Forschungsergebnisse in konkrete Anwendungen tun wir uns aber noch schwer“, räumte Wintergerst ein. Deutschland und Europa müssten eine Führungsrolle übernehmen, denn hochentwickelte Fähigkeiten im Quantencomputing seien künftig eine Grundvoraussetzung für digitale Souveränität.

Was sich die Unternehmen wünschen, ist weniger Theorie und mehr praktische Hilfe. 69 Prozent derjenigen, die sich bereits für die Technologie interessieren oder sie nutzen, fordern finanzielle Förderung von Pilotprojekten. Fast ebenso viele – 67 Prozent – wünschen sich einen niedrigschwelligen und vergünstigten Zugang zu Quantenplattformen, etwa über Cloud-Dienste. 66 Prozent verlangen bessere Orientierung im Markt, also Übersichten zu Anbietern, Tools und Plattformen. Schulungen und Weiterbildungen stehen bei 61 Prozent auf der Wunschliste, praxisnahe Anwendungsbeispiele bei der Hälfte. „Die Unternehmen wollen keine hochtrabenden Visionen, sondern handfeste Einstiegshilfen ins Quantencomputing“, brachte es Wintergerst auf den Punkt. Es lohne sich, frühzeitig Kompetenzen aufzubauen und mit der Technologie zu experimentieren.

Anzeige

Eine Gelegenheit dazu bietet der AIDAQ-Summit, den Bitkom am 22. und 23. September im bcc Berlin veranstaltet. Die Abkürzung steht für „AI, Data und Quantum“. Mehr als 2.500 Entscheiderinnen und Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Forschung werden erwartet, dazu über 200 Rednerinnen und Redner sowie 140 Programmsessions auf vier Bühnen. Erstmals übernimmt das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt die Schirmherrschaft – ein Signal, dass auch die Politik das Thema stärker in den Fokus rückt.