Rund 16 Millionen Menschen in Deutschland gelten als stark übergewichtig – für sie könnten bestimmte Medikamente tatsächlich einen Unterschied machen. Doch welche der gehypten Abnehmspritzen halten einer kritischen Prüfung stand? Die Stiftung Warentest hat sämtliche in Deutschland zugelassenen Arzneimittel zur Gewichtsreduktion unter die Lupe genommen, 17 Präparate in allen verfügbaren Dosierungen. Das Fazit fällt ernüchternd differenziert aus: Nur zwei von vier bewerteten Wirkstoffen verdienen aus Sicht der Tester eine Empfehlung. Und günstig ist keines der Mittel – die Kosten bleiben komplett an den Betroffenen hängen.
Den deutlichsten Effekt erzielte im Test der Wirkstoff Tirzepatid, der unter dem Markennamen Mounjaro des Herstellers Eli Lilly als wöchentliche Spritze verabreicht wird. In Kombination mit kalorienreduzierter Ernährung und mehr Bewegung können Patientinnen und Patienten nach einem Jahr mit einer Gewichtsabnahme von 13 bis 19 Prozent rechnen – ein Wert, der sich auch nach drei Jahren Therapie weitgehend hält. Ebenfalls als geeignet eingestuft wurde Semaglutid, bekannt unter dem Markennamen Wegovy von Novo Nordisk. Hier liegt der erwartbare Gewichtsverlust nach zwölf Monaten bei neun bis zwölf Prozent, der über zwei Jahre annähernd stabil bleibt. Beide Substanzen imitieren körpereigene Sättigungshormone, bremsen die Magenentleerung und senken den Blutzuckerspiegel. „Zwei Wirkstoffe überzeugen in Kombination mit Lebensstilveränderung, das ist das Ergebnis unseres Tests“, fasst Dr. Claudia Michael, Gesundheitsexpertin bei der Stiftung Warentest, zusammen.
Deutlich schlechter schnitten die beiden übrigen Wirkstoffe ab. Liraglutid, als tägliche Spritze unter dem Namen Saxenda ebenfalls von Novo Nordisk vertrieben, bringt es nach einem Jahr lediglich auf vier bis fünf Prozent Gewichtsverlust. Gleichzeitig treten schwere Nebenwirkungen und Therapieabbrüche häufiger auf als unter Placebo – ein Nutzen-Risiko-Verhältnis, das die Tester als ungünstig bewerten. Noch magerer fällt die Bilanz beim Fettblocker Orlistat aus, der sowohl rezeptpflichtig in der 120-mg-Variante als auch rezeptfrei in der 60-mg-Dosierung erhältlich ist. Erst nach zwei Jahren zeigt sich hier eine Gewichtsabnahme von lediglich zwei bis vier Prozent. Von beiden Wirkstoffen rät die Stiftung Warentest ab.
Selbst die empfohlenen Präparate sind allerdings kein Selbstläufer. Michael warnt eindringlich davor, sich ausschließlich auf die Medikamente zu verlassen: „Die begleitenden Lebensstiländerungen – mehr Bewegung und eine reduzierte Kalorienzufuhr – sind entscheidend, um langfristig erfolgreich zu sein.“ Ein weiterer Punkt, den Betroffene kennen sollten: Die Spritzen bauen nicht nur Fett ab, sondern auch Muskelmasse. Krafttraining und eine eiweißreiche Ernährung können dem entgegenwirken. Hinzu kommt, dass beide als geeignet bewerteten Wirkstoffe erst seit wenigen Jahren auf dem Markt sind. Über Langzeitwirkungen jenseits von zwei bis drei Jahren weiß die Wissenschaft noch wenig. Und wer die Therapie absetzt, muss damit rechnen, dass das Gewicht wieder steigt.
Finanziell stellt die Behandlung eine erhebliche Belastung dar. Je nach Wirkstoff und Dosierung fallen zwischen 43 und 122 Euro pro Woche an, im Extremfall also rund 500 Euro monatlich. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht, weil die Mittel als sogenannte Lifestyle-Präparate eingestuft werden. Günstigere Generika der Abnehmspritzen Mounjaro und Wegovy sind in der Europäischen Union frühestens ab 2030 zu erwarten. Für alle Spritzen gilt zudem: Ein ärztliches Rezept und eine medizinische Begleitung sind Pflicht.
Genau hier liegt ein weiteres Problem, auf das eine aktuelle Stichprobe der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hinweist. Von zehn identifizierten deutschsprachigen telemedizinischen Online-Plattformen verlangten vier keinerlei Nachweise zur Identität oder zum Körpergewicht der Besteller. Bei fünf weiteren ließ sich das Medikament durch eine simple Gewichtsanpassung im Online-Fragebogen ordern – auch von Normalgewichtigen. Michael mahnt deshalb unmissverständlich: „Wir raten dringend davon ab, auf eigene Faust Abnehmspritzen im Internet zu kaufen. Sie können andere, auch verbotene Wirkstoffe oder falsche Mengen enthalten.“
Der ausführliche Test erscheint in der Ausgabe 04/2026 der Zeitschrift der Stiftung Warentest und ist der dritte Teil einer Reihe zum Thema Abnehmen, nach Bewertungen von Diätkonzepten und Diätshakes in den Vorjahren. Für die Millionen Betroffenen in Deutschland bleibt die Botschaft ambivalent: Es gibt wirksame medikamentöse Hilfe, doch sie hat ihren Preis – finanziell, körperlich und in Form offener Fragen zur Langzeitsicherheit.

















