Am Samstag beginnt für den FC 08 Homburg gegen die U23 des 1. FSV Mainz 05 die neue Saison in der Regionalliga Südwest. Und schon vorab lässt sich sagen: Diese Saison wird anders bewertet werden müssen als viele zuvor. Nicht, weil der Anspruch kleiner geworden wäre. Sondern weil die Ausgangslage eine andere ist.
Erfolgreich wäre diese Saison für den FCH, wenn am Ende Platz vier bis sechs steht. Aber die Tabelle allein wird dabei nicht reichen. Genauso entscheidend ist, ob Verein, Mannschaft, Trainer und Umfeld in diesem Jahr wieder zueinanderfinden – und ob gerade die Heimspiele im Waldstadion wieder das werden, was sie einmal waren: Nachmittage mit Einsatz, Leidenschaft und am Ende auch mit Siegen.
Jahrelang wurde Homburg vor Saisonbeginn beinahe automatisch als möglicher Titelkandidat gehandelt. Die Tradition, das Waldstadion, ein im Ligavergleich ordentlicher Etat, dazu eine meist gut besetzte Mannschaft – das alles lieferte Argumente. Auch im eigenen Umfeld war die Erwartung selten kleiner. Wenn man schon in der vierten Liga spielt, dann doch bitte um den Aufstieg.
Nur: Die Ergebnisse hielten mit diesem Anspruch selten Schritt. Es gab ordentliche Platzierungen. Einen echten Meisterschaftskampf gab es seit Jahren nicht. Der Abstand zur Spitze war meist zu groß, zu früh, um ihn seriös aufzuholen. Die Qualität der einzelnen Spieler war dabei selten das Problem. Was fehlte, war Konstanz – jene unspektakuläre Fähigkeit, aus guten Wochen eine gute Saison zu machen.
Ein Teil dieser Erwartungshaltung speist sich schlicht aus der Geschichte. Der FC Homburg war Bundesligist, spielte große Pokalabende, trägt einen Namen, der über das Saarland hinaus etwas bedeutet. Das darf man pflegen. Es kann sogar Kraft geben. Aber es beantwortet keine einzige Frage darüber, wie man am Samstag gegen Mainz II gewinnt.
Der Kickoff im Waldstadion hat gezeigt, wie sich beides verbinden lässt. Fast 1000 Zuschauer feierten die Mannschaft von 1986, die den Sprung in die Bundesliga geschafft hatte. Trainer Fritz Fuchs und seine damaligen Mitspieler erzählten dabei nicht nur alte Geschichten. Sie erinnerten an das, was diese Mannschaft stark gemacht hat: Zusammenhalt, Nähe zur Region, ein Team, mit dem sich die Menschen identifizieren konnten. Genau das ist die Verbindung zwischen damals und heute – nicht der sportliche Vergleich, sondern die Haltung.
Andere greifen tiefer in die Tasche
Auch bei den Finanzen lohnt ein nüchterner Blick. Belastbare Etat-Zahlen bekommt man in der Regionalliga von niemandem. Dass der FCH in den vergangenen Jahren investiert hat, steht außer Frage. Was dabei gerne übersehen wurde: Andere Vereine bewegen sich in ähnlichen oder höheren Sphären, auch wenn sie sich lieber als Understatement-Klub präsentieren.
In diesem Sommer ist der Unterschied kaum zu übersehen. Sandhausen verpflichtete beispielsweise mit Felix Lohkemper und Arianit Ferati zwei Spieler aus der 3. Liga, die sportlich und wohl auch wirtschaftlich in einer Kategorie liegen, die für den FCH derzeit nur schwer erreichbar sein dürfte. Auch Ulm und Freiberg haben sichtbar nachgelegt. Homburg dürfte in dieser Saison finanziell kleinere Brötchen backen als seine wichtigsten Konkurrenten.
Das macht den Verein nicht chancenlos. Es verändert aber den Maßstab. Wer diese Liga gewinnen will, braucht nicht nur eine gute erste Elf. Er braucht Tiefe, Gesundheit im Kader, Ruhe in der Tabelle und die Selbstverständlichkeit, enge Spiele für sich zu entscheiden. Genau daran muss sich Homburg erst herantasten.
Abgänge, die wehtun
Der Umbruch war kein kleiner. Miguel Gonçalves wechselte in die 3. Liga zu Fortuna Düsseldorf, Kaan Inanoglu zu Zweitligist Dynamo Dresden. Markus Mendler beendete nach einem schweren Schicksalsschlag in seiner Familie seine aktive Laufbahn – ein Abschied, der weit über das Sportliche hinausgeht und in Homburg mit großem Respekt aufgenommen wurde. Dazu verließ mit Mart Ristl der langjährige Kapitän den Verein in Richtung VfR Mannheim.
Das sind keine Randnotizen. Mit diesen vier Namen gingen Tore, Vorlagen, aber vor allem Erfahrung, Führung und feste Rollen verloren – Dinge, die man nicht einfach nachbestellt. Entsprechend zäh lief die Kaderplanung an. Zu Beginn der Vorbereitung konnte Roland Seitz mit Mühe und Not eine komplette Elf auf den Trainingsplatz bringen. Mittlerweile hat sich das deutlich entspannt. Der Kader ist gewachsen, wichtige Lücken sind geschlossen. Trotzdem bleibt der Eindruck: Ganz oben ins Regal hat der FCH diesmal nicht gegriffen.
Ein Kader, der auf Konkurrenz statt auf Namen setzt
Stattdessen hat sich augenscheinlich die Logik der Kaderplanung verändert. Wo früher gesetzte Leistungsträger den Ton angaben, wirkt der aktuelle Kader breiter, ausgeglichener. Auf vielen Positionen gibt es mittlerweile zwei Spieler, denen ein Platz in der ersten Elf zuzutrauen ist. „Es ist immer das Ziel, dass wir den Konkurrenzkampf hochhalten“, sagte Seitz nach der Generalprobe gegen Hoffenheim II – und ließ gleichzeitig durchblicken, dass nicht jeder Wunschspieler zu bekommen war. Ob das aufgeht, wird sich erst im Alltag zeigen. Konkurrenzkampf klingt gut, solange er Spieler wachrüttelt und nicht verunsichert. Ein breiter Kader hilft nur, wenn Wechsel keinen Bruch ins Spiel bringen und jeder seine Rolle annimmt, auch wenn sie mal nicht die Startelf ist.
Die Neuzugänge stehen dabei für unterschiedliche Wege in diese Mannschaft. Julian Günther-Schmidt bringt Erfahrung aus 236 Drittligaspielen mit und soll auch neben dem Platz Verantwortung übernehmen. Erfahrung bringt auch Nicolas Andermatt mit, der aus Bayreuth ins Saarland gewechselt ist und eine Führungsrolle übernehmen soll. Birkan Çelik zählte beim FSV Frankfurt zu den auffälligeren Außenbahnspielern der Liga. Jacob Roden hat sich mit sechs Vorbereitungstoren selbst empfohlen. Emir Kuhinja war schon auf dem Sprung in den Profifußball, ehe ihn ein Kreuzbandriss zurückwarf – seine Rückkehr zur alten Stärke bleibt eine der spannenderen Fragen dieser Saison. Dazu kommen Yohann Torres, Jan-Erik Eichhorn, Aaron Manu und Michael Guthörl, die für Breite sorgen sollen.
Noch sind nicht alle auf demselben Stand. Nico Jörg kehrt nach seiner Verletzung wohl erst im September zurück. Hilal El-Helwe hat wegen Achillessehnenproblemen Teile der Vorbereitung verpasst – gerade er ist einer der Spieler, die mit einer einzigen Aktion ein Spiel drehen können. Das sind schmerzhafte Ausfälle, die der breiter aufgestellte Kader zu Saisonbeginn auffangen soll. Zudem hat Seitz angekündigt, dass der FCH auf dem Transfermarkt noch nach einer weiteren Option für die Außenbahn sucht.
Offensiv vielversprechend, defensiv noch nicht sattelfest
In der Vorbereitung ließ sich erahnen, wohin die Reise gehen soll. Gegen Hoffenheim II, Wehen Wiesbaden und phasenweise auch Darmstadt zeigte Homburg Tempo, schnelle Kombinationen über die Außenbahnen, mehrere Spieler mit Zug zum Tor. Gleichzeitig wirkte die Mannschaft defensiv noch nicht durchgehend stabil. Nach Wechseln oder eigenen Ballverlusten ging die Ordnung zu häufig verloren. Die Generalprobe gegen Hoffenheim II war einer der besseren Auftritte – dreimal Pfosten oder Latte, am Ende ein 2:1.
Nur: Die TSG reiste nicht in Bestbesetzung an, und beide Homburger Tore fielen nach klaren Fehlern der Gäste. Beim zwischenzeitlichen Ausgleich hatte der FCH selbst kräftig mitgeholfen. Seitz blieb entsprechend auf dem Boden. Auf die Frage, wo seine Mannschaft aktuell stehe, antwortete er schonungslos ehrlich: „Die Frage kann ich beantworten, weil ich es nicht weiß.“ Das werde sich erst zeigen, wenn „ein bisschen mehr Druck am Kessel“ ist – sprich: wenn es um Punkte geht.
Eine Liga ohne Schonfrist
Der Satz von der „stärksten Liga seit Jahren“ fällt fast jede Saison. Diesmal trifft er zu. Klare Abstiegskandidaten sind kaum auszumachen, selbst Teams mit bescheideneren Zielen bringen erfahrene Regionalligaspieler mit. Sandhausen, Freiberg und Ulm gelten als die ersten Anwärter auf die Spitze, Sandhausen mit der geschlossensten Kaderplanung. Aber auch diese Vereine mussten Lücken schließen und neue Hierarchien finden. Dahinter folgt eine breite Gruppe von Mannschaften, die bei einem guten Lauf lange oben mitspielen kann. Zu dieser Gruppe gehört auch der FC Homburg – eben nicht als automatischer Titelkandidat, aber als Mannschaft, die unbequem werden kann, wenn vieles zusammenpasst.
Worauf es wirklich ankommt
Dass Homburg Fußball spielen kann, hat der Verein oft genug bewiesen, auch gegen stärkere Gegner. Die eigentliche Frage ist eine andere: Was passiert an den Nachmittagen, an denen es eben nicht läuft? Gegen tief stehende Gegner, auf schlechten Plätzen, nach einem frühen Rückstand, wenn Standards und zweite Bälle über die Punkte entscheiden statt der schönste Spielzug. Genau dort hat Homburg in der Vergangenheit zu oft Punkte verschenkt. Und genau dort entscheidet sich auch diesmal, ob am Ende Platz vier oder Platz zehn steht.
Dazu kommt das Umfeld. Homburg ist ein anspruchsvoller Standort, das ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Seitz hat aber offen angesprochen, wie schnell Unruhe entstehen kann: „Wir wissen auch, wie kritisch unser Publikum ist. Ich hoffe, dass wir uns nicht anstecken lassen, dass wir unterstützt werden. Das wäre sehr, sehr wichtig.“ Gerade in engen oder zähen Heimspielen wird dieser Rückhalt eine Rolle spielen. Kommt der FCH ins Rollen, dürfte es jeder Gegner im Waldstadion schwer haben. Dafür braucht die Mannschaft aber auch dann Unterstützung, wenn noch nicht alles funktioniert.
Ein erster Gradmesser
Der Spielplan gibt keine Anlaufzeit. Nach dem Auftakt gegen Mainz II geht es zum Vizemeister nach Freiberg und dann zum SV Sandhausen – zwei der größten Favoriten innerhalb von drei Spieltagen. Ein Vorentscheid wird das nicht sein, aber ein erster ehrlicher Gradmesser.
Der FC Homburg geht deshalb nicht als Aufstiegsfavorit in die Saison. Sandhausen, Freiberg und Ulm haben personell und mutmaßlich auch finanziell so deutlich investiert, dass es unter normalen Bedingungen schwer vorstellbar ist, alle drei hinter sich zu lassen. Das garantiert keinem dieser Vereine die Meisterschaft. Dass aber gleich alle drei ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen, wäre eher unwahrscheinlich.
Für den FCH liegt die realistische Zielzone deshalb zwischen Platz vier und sechs. Erreicht Homburg diesen Bereich nach dem personellen Umbruch und in dieser stark besetzten Liga, wäre das eine erfolgreiche Saison. Platz drei oder ein längerer Kontakt zur Spitze wären bereits mehr, als die Ausgangslage erwarten lässt. Ebenso kann es zunächst in die andere Richtung gehen: Das Auftaktprogramm mit Mainz II, Freiberg und Sandhausen kann früh Rückenwind geben, den FCH aber auch schnell ins Mittelfeld oder in die untere Tabellenhälfte drücken.
Gerade deshalb ist auch das Umfeld gefordert. Unterstützung darf nicht erst einsetzen, wenn die Mannschaft gewinnt und oben steht. Wer nach den ersten Rückschlägen wieder grundsätzlich über Trainer, Kader und Vereinsführung diskutiert, macht es einer neu zusammengestellten Mannschaft schwerer, als diese Liga ohnehin schon ist. Kritik bleibt erlaubt und notwendig. Aber die Erwartung, dass der FC Homburg allein aufgrund seines Namens um die Meisterschaft spielen müsse, hat mit den aktuellen Kräfteverhältnissen wenig zu tun.
Der Maßstab für diese Saison ist deshalb klar: Der FCH sollte sich im oberen Drittel behaupten, die vielen neuen Spieler zu einer belastbaren Mannschaft formen und im Waldstadion wieder regelmäßig Leistungen zeigen, für die sich der Weg lohnt. Gelingt das und steht am Ende Platz vier bis sechs, war die Saison erfolgreich. Alles darüber wäre eine Überraschung – alles deutlich darunter eine Enttäuschung.





















