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In keinem anderen Bundesland gibt es mehr Menschen, die mindestens fünf Medikamente pro Jahr zu sich nehmen, als im Saarland. Das zeigt der Arzneimittelreport der BARMER GEK. Er ist von Professor Daniel Grandt, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I des Klinikums Saarbrücken, erstellt worden. „Wenn Versicherten fünf oder mehr Arzneimittel in einem Jahr von ihren Ärzten verordnet werden, spricht man von Polypharmazie“, erklärt Dunja Kleis, Landesgeschäftsführerin der BARMER GEK in Rheinland-Pfalz und dem Saarland.

Im Saarland werden rund jedem Dritten (34 Prozent) mehr als fünf Arzneimittel im Jahr verordnet. „Polypharmazie bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine unangemessene Übertherapie erfolgt. Viele Untersuchungen legen aber nahe, dass bei Patienten mit Polypharmazie teils Arzneimittel unnötig eingenommen werden“, erläutert Kleis. Dabei bestehe ein erhöhtes Risiko von Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten. Patienten haben seit 1. Oktober 2016 Anspruch auf einen Medikationsplan, wenn sie mindestens drei zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnete Medikamente gleichzeitig und dauerhaft einnehmen.

Saarland auf dem letzten Platz bei Verordnung von Biosimilars

Der Arzneimittelreport zeigt zudem, dass die Arzneimittelausgaben der BARMER GEK im Saarland pro Versichertem mit 499 Euro über dem Bundesdurchschnitt (485 Euro) liegen. Innerhalb des Saarlands sind die Ausgaben der Krankenkasse für Arzneimittel pro Versichertem im Saarpfalz-Kreis am höchsten (528 Euro) und im Landkreis Merzig-Wadern am niedrigsten (459 Euro). Demografisch lassen sich die Unterschiede nicht erklären, denn die Daten wurden nach Geschlecht und Alter standardisiert.
Die Arzneimittelausgaben könnten sich allerdings besonders leicht im Saarland senken lassen. Grund ist, dass das Saarland im bundesdeutschen Ländervergleich auf dem letzten Platz beim Einsatz von Biosimilars liegt. Biosimilars sind Nachahmerprodukte von biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln (Biologika). Biosimilars machen im Saarland nur 27,4 Prozent aller verordneten biotechnologisch hergestellten Arzneimittel aus. Der Bundesdurchschnitt liegt hier bei 43,0 Prozent.

„Verordnungsquoten bei Biosimilars medizinisch nicht erklärbar”

„Allein bei der BARMER GEK im Saarland hätten sich im Jahr 2015 durch die konsequente Verschreibung von Biosimilars rund 350.000 Euro an unnötigen Ausgaben verhindern lassen. Bei einer Therapie mit biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln leidet die Versorgungsqualität nachweislich nicht“, sagt Kleis. Durch den konsequenten Einsatz von Biosimilars könnten in der gesetzlichen Krankenversicherung Mittel frei werden, die für andere innovative Medikamente nutzbar seien. Ein Biosimilar sei im Schnitt 25 Prozent günstiger als das Originalpräparat.
„Medizinisch lässt sich der enorme Unterschied des Saarlands zu anderen Bundesländern bei den Verordnungsquoten von Biosimilars nicht erklären. Dass viele Ärzte Biosimilars nur selten verordnen, könnte an der Informationspolitik der Pharmahersteller liegen, die schwindende Umsätze bei ihren teureren Originalpräparaten befürchten“, sagt der Arzneimittelreportautor Grandt.

Biosimilars: Vorurteile aus der Welt räumen

Umso mehr komme es auf die Kassenärztlichen Vereinigungen in den einzelnen Ländern an, noch stärker über Biosimilars zu informieren und mögliche Vorurteile aus der Welt zu räumen. Die Kassenärztliche Vereinigung im Saarland habe hierzu im laufenden Jahr eine Initiative gestartet und sei somit auf einem guten Weg.
San.-Rat Dr. Gunter Hauptmann, Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland, sagt: „Im Rahmen unserer Beratungstätigkeit werden wir verstärkt auf den Einsatz von Biosimilars hinweisen. Was die Polypharmazie angeht, kann der Medikationsplan ein Instrument sein, problematische Wechselwirkungen schnell zu erkennen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.“

 

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