Es ist eines dieser Themen, bei denen viele lieber nicht zu lange verweilen. Krankheit, Wartelisten, die Frage nach dem eigenen Tod – Organspende berührt Punkte, die unbequem sind. Und doch kann genau diese Entscheidung für andere Menschen alles verändern. Am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg wurde das am Freitag besonders deutlich: Einen Tag vor dem bundesweiten Tag der Organspende besuchten Ministerpräsidentin Anke Rehlinger und Gesundheitsstaatssekretärin Bettina Altesleben das UKS, um mit Patienten, Ärzten, Pflegekräften und weiteren Beteiligten ins Gespräch zu kommen.
Im Mittelpunkt stand eine Info-Aktion des Transplantationszentrums und der LIONS-Hornhautbank. Erste Station des Besuchs war das zertifizierte Dialysezentrum des UKS, das zur Klinik für Innere Medizin IV – Nieren- und Hochdruckkrankheiten gehört. Dort werden Menschen behandelt, deren Nieren nicht mehr ausreichend funktionieren. Mehr als 10.000 Nierenersatzverfahren werden am Homburger Zentrum jährlich durchgeführt. Für die Patienten bedeutet Dialyse oft einen tiefen Einschnitt in den Alltag – regelmäßig, über lange Zeit, manchmal über Jahre hinweg.
Genau dort wurde der Ministerpräsidentin auch eine Botschaft mitgegeben, die sie später weitertrug. Patienten hätten ausdrücklich betont, wie wichtig das Personal für sie sei. Rehlinger fasste es in einem Satz zusammen, der hängen blieb: „Medikamente wirken, das ist gut, aber Menschen wirken eben auch.“ Es war ein Moment, der den Besuch aus der reinen Sachinformation herausholte. Denn Organspende ist nicht nur Statistik. Sie betrifft Menschen, die warten, hoffen, funktionieren müssen – und Menschen, die sie dabei begleiten.
Anke Rehlinger nutzte den Termin deshalb für ein klares Statement. „Organspende rettet Leben und sie geht uns alle an“, sagte die Ministerpräsidentin. Oft sei einem nicht bewusst, dass man selbst oder ein nahestehender Mensch eines Tages auf ein Spenderorgan angewiesen sein könnte. Umso wichtiger sei es, sich frühzeitig mit der Frage auseinanderzusetzen. Hinter jedem Fall auf der Warteliste stünden Hoffnungen, Familien und persönliche Schicksale.
Dass Rehlinger dabei nicht nur allgemein über das Thema spricht, machte sie im Gespräch deutlich. Auf die Frage, ob sie selbst Organspenderin sei, antwortete sie klar: „Tatsächlich trage ich den Organspendeausweis bei mir und habe mich auch ganz bewusst dafür entschieden, diese Aussage zu treffen.“ Diese Entscheidung könne viel Gutes bewirken, sagte sie weiter. Sie wünsche sich, dass es mehr Menschen gebe, die diesen Schritt ebenfalls gehen. „Diese Entscheidung ist eben in der Lage, Leben zu retten. Mir wird in einer solchen Situation nichts mehr genommen, was man noch braucht, aber vielen anderen wird ganz viel Leben gegeben.“
Die Zahlen zeigen, warum diese persönliche Entscheidung so wichtig sein kann. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation gab es im Jahr 2025 in Deutschland 985 Menschen, die nach ihrem Tod insgesamt 3.020 Organe gespendet haben. Gleichzeitig standen am Ende des Jahres 8.202 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Selbst wenn Lebendspenden etwa bei Nieren hinzugerechnet werden, bleibt die Lücke groß.
Nach dem Besuch im Dialysezentrum ging es vor das Großgebäude für Innere Medizin. Dort hatten das Transplantationszentrum und die an der Augenklinik angesiedelte LIONS-Hornhautbank einen Informationsstand aufgebaut. Neben Mitarbeitern der beteiligten Bereiche standen auch Patienten für Gespräche bereit. Unter ihnen war Martin Müller, der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, selbst zweifach nierentransplantiert ist und sich unter anderem bei Spektrum Dialyse und Niere Saar engagiert. Seine Aktion „Steine für Organspende“ steht 2026 unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsidentin Anke Rehlinger und Gesundheitsminister Dr. Magnus Jung.
Auch Gesundheitsstaatssekretärin Bettina Altesleben verwies auf die Bedeutung einer klaren persönlichen Entscheidung. „Hinter jeder Organspende steht die Chance auf ein neues Leben“, sagte sie. Der Tag der Organspende erinnere daran, wie wichtig es sei, sich zu informieren, mit Angehörigen zu sprechen und die eigene Entscheidung festzuhalten. Jede informierte Entscheidung schaffe Klarheit für Angehörige und könne im Ernstfall von unschätzbarem Wert sein.
Am UKS selbst wird die Bedeutung des Themas täglich sichtbar. In Homburg gibt es Transplantationsprogramme für Niere und Lunge. Im vergangenen Jahr wurden am Universitätsklinikum 21 Lungen und 27 Nieren transplantiert. Hinzu kommt die Arbeit der LIONS-Hornhautbank Saar-Lor-Lux, Trier/Westpfalz, die an der Augenklinik angesiedelt ist. Sie zählt deutschlandweit zu den führenden Zentren. Allein 2025 wurden in Homburg 724 Hornhauttransplantationen durchgeführt.
Dr. David Schmit, Ärztlicher Leiter des UKS-Transplantationszentrums, ordnete das Thema am Ende noch einmal größer ein. „Das Thema Organspende ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagte er. Deutschland sei grundsätzlich auf einem guten Weg, müsse diesen Weg aber konsequent weitergehen. Um den massiven Organmangel nachhaltig zu lösen, brauche es neben Vertrauen in die Strukturen auch weitere gesetzliche Maßnahmen. Dazu gehörten verstärkte Aufklärung, die Diskussion um die Widerspruchslösung und gegebenenfalls eine Erweiterung des möglichen Spendekreises.
Für Rehlinger war der Besuch am UKS damit auch ein politisches Signal. Sie versicherte den Patienten und Engagierten vor Ort Unterstützung: „Mich haben Sie an Ihrer Seite“, sagte sie. Sie trage nicht nur ihren Organspendeausweis bei sich, sondern wolle auch politisch dazu beitragen, den Kreis potenzieller Organspender zu erweitern. Vielleicht, so Rehlinger, gebe es irgendwann auch in Deutschland die nötige Mehrheit für eine Regelung, wie sie andere europäische Länder bereits kennen.
Am Ende blieb ein Thema, das nüchtern betrachtet mit Zahlen, Verfahren und medizinischer Hochleistung zu tun hat. Doch am UKS wurde an diesem Tag vor allem sichtbar, was dahintersteht: Patienten, die warten. Familien, die hoffen. Ärzte und Pflegekräfte, die begleiten. Und eine Entscheidung, die jeder für sich treffen kann – am besten nicht irgendwann, sondern rechtzeitig.
Alle Bilder: Daniel von Hofen











































