Wenn eine Bundesverfassungsrichterin im Klassenzimmer sitzt, wird abstraktes Verfassungsrecht plötzlich greifbar. Genau das erlebten in dieser Woche rund 120 Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken. Anlass des Besuchs von Dr. Rhona Fetzer war das 75-jährige Bestehen des Bundesverfassungsgerichts – und die Frage, was Karlsruhe eigentlich mit dem Alltag junger Menschen zu tun hat.
Die Jugendlichen der Jahrgangsstufen 10 bis 13 hatten sich im Unterricht intensiv auf das Treffen vorbereitet. Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit und die Rolle demokratischer Institutionen standen auf dem Programm – nicht als trockener Lehrstoff, sondern als Grundlage für ein direktes Gespräch mit einer der höchsten Richterinnen des Landes. Die Schule pflegt seit Jahren einen Schwerpunkt in der Demokratiebildung und wollte das Jubiläum bewusst zum Anlass für eine vertiefte Auseinandersetzung machen.
Auch Bildungsstaatssekretärin Jessica Heide ließ sich den Termin nicht entgehen. Sie würdigte das Engagement der Schule und verband den Besuch mit einem grundsätzlichen Appell. „Der Besuch der Bundesverfassungsrichterin ist ein Beleg dafür, dass Demokratie dort lebendig wird, wo junge Menschen Fragen stellen, diskutieren und lernen, Verantwortung zu übernehmen.“ Die Bruchwiese sei ein Ort, an dem Schülerinnen und Schüler täglich erführen, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei. Sie brauche Menschen, die sie mitgestalten, Institutionen, die sie schützen, und Schulen, die zur Beteiligung befähigen.

Herzstück des Vormittags war ein Podiumsgespräch mit Dr. Fetzer. Die Jugendlichen löcherten die Richterin mit Fragen, die das ganze Spektrum verfassungsrechtlicher Realität abdeckten: Welche Bedeutung hat das Grundgesetz heute? Welche Aufgaben und Herausforderungen prägen die Arbeit des Bundesverfassungsgerichts? Welche Eigenschaften sollten Richterinnen und Richter mitbringen, die über die Verfassung wachen? Auch das Auswahlverfahren in Karlsruhe und besonders schwierige Entscheidungen des Gerichts kamen zur Sprache.
Fetzer selbst nutzte den Termin, um ein deutliches Plädoyer für gelebte Verfassungskultur zu formulieren. „Unsere Verfassung ist kein Museumsstück. Sie lebt durch die Menschen, die sie kennen, achten und mit Leben erfüllen“, sagte die Richterin. Die Zukunft der freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie werde nicht allein in Parlamenten oder Gerichten gestaltet, sondern auch in Klassenzimmern, auf Schulhöfen und überall dort, wo Menschen Verantwortung übernähmen.
Nach dem Austausch führte ein Rundgang durch ausgewählte Projekte der Schule. Die inklusive Lernwerkstatt, das Profilfach „Blaulicht“ und die Denkwerkstatt gaben Einblick in das pädagogische Profil der Bruchwiese. Die Bandbreite zeigte, wie die Schule Demokratiebildung, Verantwortungsbewusstsein, Kreativität und gesellschaftliches Engagement im Alltag verankert – nicht als Sonderprogramm, sondern als Querschnittsaufgabe.
Der Saarbrücker Termin ist Teil einer bundesweiten Initiative zum Jubiläum. Sämtliche Richterinnen und Richter des Bundesverfassungsgerichts besuchen anlässlich der 75-Jahr-Feier jeweils eine Schule in einem der sechzehn Bundesländer. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Das Jubiläum soll dort begangen werden, wo sich entscheidet, ob die Demokratie auch in den kommenden Jahrzehnten verteidigt und mitgestaltet wird – in den Schulen.



















