Ob jemand ohne eigenes Auto zuverlässig zur Arbeit, zur Ärztin oder zur Berufsschule gelangt, hängt in Rheinland-Pfalz und im Saarland noch immer stark vom Wohnort ab. Das belegt der neue ÖV-Atlas 2026 der Denkfabrik Agora Verkehrswende, den die Gewerkschaft ver.di zum Anlass für deutliche Kritik am Zustand des öffentlichen Nahverkehrs nimmt.
Besonders ernüchternd fallen die Zahlen für das Saarland aus. Rund 287.000 Menschen leben dort an Orten, die kein gutes Grundangebot im öffentlichen Verkehr erreichen. Das betrifft mehr als jede vierte Person. Als gutes Grundangebot definieren die Autoren dabei etwa eine Bushaltestelle in rund 250 Metern Entfernung, an der im Halbstundentakt Busse abfahren.
Gerade einmal 17 Prozent der Menschen im Saarland verfügen an ihrem Wohnort über ein gutes oder sehr gutes Angebot. Bundesweit liegt dieser Anteil mit 36 Prozent mehr als doppelt so hoch. Zwar erreichen fast alle Saarländerinnen und Saarländer überhaupt eine Haltestelle, doch häufig ist der Takt schlicht zu dünn. Am besten steht der Regionalverband Saarbrücken da, während die übrigen Landkreise auf Landesniveau oder darunter verharren.
Auch in Rheinland-Pfalz zeichnet der Atlas ein gemischtes Bild: Knapp eine Million Menschen lebt hier ohne gutes ÖPNV-Grundangebot. Positiv hebt der Bericht allerdings hervor, dass der Unterschied zwischen Stadt und Land vergleichsweise gering ausfällt. Zurückgeführt wird das auf den integralen Taktfahrplan, den das Land bereits in den 1990er-Jahren von der Schiene auf Regionalbuslinien übertragen hat. Ein durchschnittlich gutes Angebot erreichen dennoch nur Mainz, Ludwigshafen und Trier, besonders schwach schneiden die Südwestpfalz und der Westerwaldkreis ab.
Für ver.di sind diese Lücken mehr als eine Frage der Bequemlichkeit. „Der öffentliche Nahverkehr gehört zur Daseinsvorsorge. Trotzdem entscheidet der Wohnort noch immer darüber, ob Menschen ohne Auto zuverlässig zur Arbeit, zur Ärztin oder zur Berufsschule kommen“, erklärt Marion Paul, Landesbezirksleiterin von ver.di Rheinland-Pfalz-Saarland. Werden Verbindungen ausgedünnt oder gestrichen, so warnt sie, schränke das die gesellschaftliche Teilhabe ein und schwäche das Vertrauen in einen handlungsfähigen Staat – einen Vertrauensverlust, den rechte Parteien in Wahlerfolg ummünzten.
Entscheidend ist aus Sicht der Gewerkschaft, dass die Qualität des Nahverkehrs nicht allein von der Siedlungsstruktur abhängt, sondern von politischen Weichenstellungen. ver.di fordert deshalb verbindliche Mindeststandards und eine dauerhafte, auskömmliche Finanzierung durch Bund und Länder. Gleichzeitig brauche es genügend Personal und gute Arbeitsbedingungen, damit das Angebot überhaupt gefahren werden könne.
Diesen Punkt betont Jürgen Jung, Fachbereichsleiter für öffentliche und private Dienstleistungen, Sozialversicherung und Verkehr: „Ein verlässlicher Nahverkehr ist nur mit ausreichend Beschäftigten möglich.“ Gute Bezahlung, verlässliche Dienstpläne und attraktive Ausbildungsbedingungen seien die Voraussetzung, um Personal zu gewinnen und zu halten. Wer über ein besseres Angebot spreche, so Jung, müsse deshalb auch über gute Tarifverträge sprechen.




















