Auf dem deutschen IT-Arbeitsmarkt entspannt sich die Lage – zumindest auf dem Papier. Aktuell fehlen bundesweit 79.000 IT-Fachkräfte. Das klingt nach viel, ist im Vergleich zu 2023 aber fast eine Halbierung: Damals klafften noch 149.000 Lücken in den Belegschaften, ein Jahr später waren es 109.000. Von Entwarnung mag der Digitalverband Bitkom dennoch nicht sprechen, der die Zahlen in seiner neuen Studie zum „Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte“ vorgelegt hat.
Denn der Engpass bleibt spürbar. 78 Prozent der befragten Unternehmen registrieren derzeit einen Mangel an qualifiziertem IT-Personal. Nur 14 Prozent halten das Angebot für ausreichend, gerade einmal fünf Prozent sehen sogar ein Überangebot. Und der Blick nach vorn fällt düster aus: Gut drei Viertel der Firmen gehen davon aus, dass sich die Situation in den kommenden Jahren weiter zuspitzen wird.
„Gut qualifizierte IT-Fachkräfte bleiben auch in der aktuell schwierigen wirtschaftlichen Lage gefragt“, betont Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Die Grundlage der Erhebung bilden zwei repräsentative Befragungen von 853 beziehungsweise 602 Unternehmen ab drei Beschäftigten.
Eine zentrale Rolle in der Debatte spielt die künstliche Intelligenz – wenn auch bislang eher als Randerscheinung. 42 Prozent der Unternehmen mit IT-Stellen setzen KI in ihren Abteilungen bereits ein, weitere 36 Prozent planen den Schritt. Von einem flächendeckenden Einsatz kann jedoch keine Rede sein: Die meisten nutzen die Technologie nur vereinzelt oder in einigen Teilbereichen. Wintergerst sieht darin trotzdem großes Potenzial. KI könne „zu einem echten Produktivitätstreiber werden“, Routineaufgaben übernehmen und Fachkräften Freiraum für komplexere Arbeit verschaffen.
Die oft beschworene Angst, KI werde massenhaft IT-Jobs vernichten, teilen die meisten Betriebe nicht. Von den Unternehmen, die die Technologie bereits einsetzen, haben lediglich zehn Prozent vereinzelt Stellen abgebaut – einen breiten Abbau meldete kein einziges. 85 Prozent haben bislang keinerlei Arbeitsplätze durch KI gestrichen. Mit Blick auf die Zukunft rechnen zwar 32 Prozent mit einem gewissen Abbau, doch die klare Mehrheit von 65 Prozent erwartet das Gegenteil.
Gleichzeitig wandeln sich die Berufsbilder. 74 Prozent der Firmen erwarten, dass die strategische Steuerung von KI für IT-Fachkräfte an Gewicht gewinnt. 63 Prozent sind überzeugt, dass KI-Kenntnisse künftig in sämtlichen IT-Berufen unverzichtbar werden. Routineaufgaben und klassische Einstiegstätigkeiten dürften schwinden, während neue Tätigkeitsfelder entstehen. „KI verändert ihre Aufgaben und die gefragten Kompetenzen – und schafft zugleich neue Tätigkeitsfelder“, so Wintergerst.
Besonders eindringlich fällt der Befund zur Personalsuche aus: 97 Prozent der Unternehmen mit offenen IT-Stellen haben Schwierigkeiten, diese zu besetzen. Bei einem Drittel scheitern Bewerbungen an fehlendem Wissen über neueste Technologien, 31 Prozent erhalten praktisch gar keine Bewerbungen mehr. Weitere Hürden sind mangelnde Deutschkenntnisse, zu geringe Qualifikation und fehlende Soft Skills. Am dringendsten gesucht werden Fachleute für IT-Administration und Systembetrieb, gefolgt von Softwareentwicklung sowie Cloud und Infrastruktur.
Um gegenzusteuern, greifen die Firmen zu einem breiten Instrumentarium. Jeweils 34 Prozent setzen auf Weiterbildung und die Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit, 31 Prozent kooperieren mit Universitäten. Immerhin 19 Prozent nutzen inzwischen verstärkt KI, um Personallücken zu füllen. Im Schnitt kombinieren die Unternehmen drei solcher Maßnahmen.
Doch ohne politische Rückendeckung, so die Botschaft der Branche, wird es nicht gehen. 64 Prozent wünschen sich eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit, 58 Prozent eine stärkere Förderung der Fachkräfteeinwanderung. Auch im Bildungsbereich gibt es klare Forderungen, etwa nach einem bundesweiten Pflichtfach Informatik. „Fachkräftesicherung ist eine gemeinsame Aufgabe von Wirtschaft und Politik“, fasst Wintergerst zusammen. Deutschland müsse für Unternehmen und qualifizierte Fachkräfte attraktiver werden.




















