Freitag, 12. September, Eden Cinehouse Homburg. Im Kino 3 riecht es nach Popcorn – und nach frisch aufgeschlagenen Seiten. Autor Carsten Henn ist in die Stadt gekommen. Auf dem Programm steht erst eine Lesung, dann gibt es den dazugehörigen Film. Literatur trifft Leinwand, ohne großes Besteck, aber mit der ruhigen Souveränität eines deutschen Films der Extraklasse. Auch und genau so etwas gibt es beim Lesefest HomBuch in Homburg, in einem ausverkauften Kinosaal.
Henn beginnt den Abend ohne große Umschweife. Er erzählt, warum er Kinos liebt, und man glaubt es ihm sofort: Dieser Raum, in dem Geschichten visuell größer werden, passt zu seinem Stoff. „Der Buchspazierer“ ist jedenfalls schon lange mehr als ein erfolgreicher Roman: über 100 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, über 500.000 verkaufte Exemplare in Deutschland, in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Und zur Krönung kam 2024 die Verfilmung mit Christoph Maria Herbst ins Kino – einer der deutschen Publikumslieblinge des Jahres.
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Dann liest der sympathische Autor – und man merkt schnell: Er liest nicht nur, er spielt. Stimmen, Pausen, Mini-Gesten. Ursel Schäfer, Sabine Gruber, Karl Kollhoff treten ins Licht. Dieser Karl, der abends Bücher einpackt, verschnürt, zu Fuß ausliefert. Statt bloßer Textwiedergabe entsteht eine kleine Szene, in der der Ton die Figuren führt. Besonders die Passage, in der Schascha, das neunjährige Mädchen mit den bunten Locken, zum ersten Mal neben Karl auftaucht, verursacht, dass das Publikum mucksmäuschenstill wird. Es wird wie in die Geschichte hineingezogen.

Doch wie kam Henn eigentlich zu dieser außergewöhnlichen Geschichte? Den ersten Impuls bekam er schon 2012, verrät er dem Homburger Publikum. Eine Bekannte, die in einer Bibliothek arbeitete, erzählte ihm von einem Aachener Buchhändler, der abends nach Ladenschluss zu Fuß Bücher zu seinen Kunden brachte – Haluk Turat. Diese kleine Begebenheit ließ Henn nicht mehr los. Doch er suchte bewusst nicht das Gespräch mit Turat. Stattdessen wollte er seine eigene fiktive Geschichte entwickeln, mit einer Hauptfigur, die zwar inspiriert ist, aber völlig unabhängig lebt: Karl Kollhoff. Über Jahre blieb es bei dieser Figur – eine Idee ohne Handlung. Erst als Henn die Figur der neunjährigen Schascha erdachte, bekam die Geschichte ihren Kern. Mit ihr öffnete sich das ganze Erzählen, die Handlung war plötzlich da. „Mit Schascha fiel alles an seinen Platz“, sagte er in Homburg. Der Roman erschien schließlich 2020 – mitten in der Pandemie. Und erst 2021, also ein Jahr später, begegnete Henn erstmals dem echten Haluk Turat, der ihm unbewusst die Inspiration geliefert hatte.
Das Veröffentlichungsjahr 2020 war der Härtetest. Lockdown, dünne Papierlage, stockende Druckkapazitäten – keine Vorabexemplare für den Handel. Henns Anekdote des Abends: Zeitgleich sei ein prominenter US-Titel produziert worden – man ahnt, welche Memoiren damals Priorität bekamen, Stichwort: Obama. Kurz vor Weihnachten war „Der Buchspazierer“ sogar vorübergehend nicht lieferbar – genau zur Unzeit. Und dann der Kipppunkt: Anfang Januar tauchte der Roman auf der SPIEGEL-Bestsellerliste auf und blieb dort – Woche für Woche. Ein Spätstarter, der nicht sprintet, sondern durchhält.

Der zweite Teil des Abends gehört der Verfilmung. Henn spricht offen darüber, wie Filmproduktionen Autoren gern mit großen Versprechen umwerben – und wie wenig Einfluss man nach der Unterschrift tatsächlich hat. Er hat sich für die WÜSTE Film aus Hamburg entschieden und mit Andi Rogenhagen am Drehbuch gearbeitet. Es sind die konkreten, greifbaren Details, die das Publikum lieben dürfte: Ein anderes Ende als im Roman. Figuren, die es nicht in den Film geschafft haben (Ursel Schäfer; die Katze „Hund“ – Katzen drehen ist teuer). Und Drehorte, die im Film nach Frankreich aussehen, tatsächlich aber Aachen, Stolberg, Köln, Münster, Velbert, Ruhrgebiet und Hamburg sind. Kino eben: Es ist Illusion mit klarer Handarbeit.
Und wie war das eigentlich mit Hauptdarsteller Christoph Maria Herbst? „Zu jung?“ – Henn dachte das anfangs selbst. Bis er Herbst am Set sah: Haltung, Gang, Stimme – und plötzlich stand Karl Kollhoff da. Henn beschreibt diesen Moment spürbar bewegt. Dazu eine hübsche Fußnote: Sein Cameo hat er sich „wie Hitchcock“ vertraglich gesichert – so kurz, dass man beim ersten Schauen gut blinzeln kann, ohne ihn zu erwischen.

Zurück zur Lesung: Henn hat nicht nur den eleganten Buchanfang dabei („Es heißt, Bücher finden ihre Leser…“), sondern auch die erste Begegnung von Karl und Schascha. Die beiden laufen nebeneinander, jeder mit seinem Tempo, und man versteht, warum diese Konstellation trägt: Sie macht den einsamen Mann größer, ohne ihn zu verbiegen, und sie nimmt einem Kind die Welt nicht, sondern öffnet sie maßvoll. Dieser Sound trägt vom Buch in den Film hinüber – nicht 1:1, sondern im Geist und auch das ist wohl ein Punkt, warum die Geschichte so erfolgreich war und ist.
Zum Film selbst gibt es zwei Service-Infos aus erster Hand: Henn hat für die Buchausgabe eine neue Zusatzszene in nächster Auflage geschrieben – als kleine Hommage an eine Filmfigur. Und im Kino lohnt es sich, beim Abspann kurz sitzen zu bleiben: Nach einer Luftballon-Szene kommt noch ein feiner Nachklapp (Mid-Credits, kein ganzes Post-Credit-Easter-Egg). Kleine Gesten, die den Abend rund machen.
Was bleibt? Ein Abend ohne Marketing-Tricksereien. Eher eine leise Werkstatttür, die einen Blick ins Wie erlaubt: von der ersten Idee (Aachen, Haluk) über das lange Warten auf die richtige Figur (Schascha) bis zur geduldigen Buchpflege mitten in einem schwierigen Jahr – und dann die Filmfassung, die nah am Herzschlag bleibt, obwohl sie anderes erzählt. Vielleicht erklärt genau das den anhaltenden Erfolg: „Der Buchspazierer“ ist freundlich, aber nicht süß; komisch, ohne laut zu sein; tröstlich, ohne zu beschönigen.
Im Foyer signiert Henn später Bücher, man spricht über Lieblingsstellen und darüber, wie Christoph Maria Herbst die Figur trägt. Wer beides mitnimmt – Lesung und Leinwand –, versteht schnell: Hier sind Buch und Film keine Konkurrenz, sondern zwei Wege durch dieselbe Stadt. Und irgendwo dazwischen geht ein Mann mit einem Rucksack voller Geschichten. Homburg und die HomBuch haben ihn an diesem Abend ein Stück begleitet. Welch perfektes Konzept.






























