
Im Saarland wächst die Sorge, dass ausgerechnet der Faktor Fläche zur Bremse für die industrielle Zukunft werden könnte. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Saarland warnt, dass der Entwurf des neuen Landesentwicklungsplans (LEP) nicht ausreiche, um genügend Industrie- und Gewerbegebiete zu sichern – mit möglichen Folgen für Investitionen, Neuansiedlungen und Arbeitsplätze.
Aus Sicht der Wirtschaft verfehlt der Planentwurf die zentrale Aufgabe, ausreichend Flächen in passender Größe und Qualität bereitzuhalten. „Die Verfügbarkeit von Industrie- und Gewerbeflächen ist eine Schlüsselfrage für die Zukunft des Industrielandes Saarland. Wenn im Saarland nicht ausreichend Flächen vorhanden sind, werden Erweiterungen ausbleiben, Investitionen scheitern und wirtschaftliche Wertschöpfung abwandern. Deshalb müssen jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen und der Landesentwicklungsplan konsequent auf ausreichende Flächenvorsorge ausgerichtet werden, damit industrielle Entwicklung im Saarland auch künftig möglich bleibt“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Frank Thomé.
Die IHK verweist dabei auf den tiefgreifenden Strukturwandel in den Kernbranchen Stahl, Automobil und Metall. Diese Sektoren stünden unter starkem Anpassungs-, Wettbewerbs- und Kostendruck. Effizienzsteigerungen, Automatisierung und veränderte Märkte würden die industrielle Beschäftigungsstruktur in den kommenden Jahren weiter verändern. Nach aktuellen Schätzungen könnten allein in diesen Schlüsselbranchen bis 2035 bis zu 20.000 Arbeitsplätze wegfallen. Um diesen Rückgang aufzufangen, seien neue wirtschaftliche Perspektiven nötig – durch Erweiterungen bestehender Betriebe ebenso wie durch gezielte Neuansiedlungen.
Gleichzeitig habe sich der Flächenbedarf pro Arbeitsplatz durch moderne Produktions- und Logistikkonzepte deutlich erhöht. Hochautomatisierte Industrie-, Logistik- und Produktionsstandorte benötigten heute im Durchschnitt rund 350 Quadratmeter je Arbeitsplatz. „Allein um den absehbaren Beschäftigungsrückgang in der Industrie zu kompensieren, ergibt sich ein Flächenbedarf von rund 700 Hektar. Berücksichtigt man zusätzlich notwendige Flächenreserven für Erweiterungen und Neuansiedlungen, liegt der tatsächliche Bedarf bei über 1.000 Hektar. Der vorliegende Entwurf bleibt mit rund 573 Hektar deutlich hinter diesem Bedarf zurück. Diese Lücke gefährdet die wirtschaftliche Erneuerung des Saarlandes“, so Thomé.
Besonders kritisch sieht die IHK die Situation mit Blick auf neue Branchen, die im Saarland angesiedelt werden sollen. Genannt werden etwa Logistik, Pharma, Life Sciences oder sicherheitsrelevante Industrie. Für Investitionen in diesen Feldern sei die Verfügbarkeit geeigneter Flächen eine Grundvoraussetzung. „Transformation bedeutet nicht nur Veränderung bestehender Strukturen, sondern auch den Aufbau neuer wirtschaftlicher Perspektiven. Ohne ausreichend verfügbare Flächen verliert das Saarland die Fähigkeit, den industriellen Strukturwandel aktiv zu gestalten und neue wirtschaftliche Stärke zu entwickeln“, sagt Thomé.
Positiv bewertet die Kammer, dass bestehende Industrie- und Gewerbestandorte im LEP grundsätzlich gesichert werden sollen. Gleichzeitig warnt sie vor einer schleichenden Entwertung solcher Areale durch spätere Umwidmungen oder Überplanungen. „Industrie braucht Verlässlichkeit und langfristige Planungssicherheit. Wenn einmal ausgewiesene Industrie- und Gewerbeflächen später für andere Nutzungen geöffnet oder eingeschränkt werden, untergräbt das Investitionsentscheidungen und schwächt den Standort dauerhaft“, erklärt Thomé. „Gerade großflächiger Einzelhandel darf nicht dazu führen, dass strategisch wichtige Industrie- und Gewerbestandorte verloren gehen. Was heute für Industrie und Gewerbe vorgesehen ist, muss auch morgen noch für Industrie und Gewerbe zur Verfügung stehen.“
Deutlichen Korrekturbedarf sieht die IHK zudem bei der Sicherung heimischer Rohstoffe. Bau- und Industriemineralien wie Sand, Kies und Naturstein seien unverzichtbar für Infrastruktur, Wohnungsbau und industrielle Produktion. Bereits heute übersteige die Nachfrage im Saarland die heimische Fördermenge deutlich. Gleichzeitig würden verfügbare Abbauflächen durch konkurrierende Nutzungen eingeschränkt, Genehmigungsverfahren würden länger und komplexer, und bestehende Genehmigungen liefen aus, ohne dass ausreichend Ersatzflächen gesichert seien. „Rohstoffsicherung ist eine Frage wirtschaftlicher Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit“, betont Thomé. „Wenn heimische Rohstoffvorkommen nicht ausreichend gesichert werden, entstehen Abhängigkeiten, höhere Kosten und zusätzliche Belastungen für Bauwirtschaft und Industrie. Das schwächt den Standort und erschwert Investitionen.“ Nach Auffassung der IHK müssten entsprechende Flächen als Vorranggebiete gesichert und verbindlich als Ziele der Raumordnung festgelegt werden, um eine verlässliche Rohstoffversorgung und damit die Grundlage für Bau-, Infrastruktur- und Industrieprojekte langfristig zu sichern.
Mit Blick auf das weitere Verfahren zum Landesentwicklungsplan macht die IHK deutlich, dass aus ihrer Sicht grundlegende Nachbesserungen nötig sind, insbesondere bei der Flächenvorsorge. „Das Saarland steht mitten in einer historischen industriellen Transformation. Ob es gelingt, den Verlust von Arbeitsplätzen in den industriellen Kernbranchen durch neue wirtschaftliche Perspektiven zu kompensieren, hängt entscheidend von den Standortentscheidungen ab, die heute getroffen werden. Der Landesentwicklungsplan muss deshalb ein echter Entwicklungsplan für wirtschaftliche Zukunft sein. Jetzt werden die Weichen dafür gestellt, ob das Saarland auch morgen ein starkes Industrieland ist“, so Thomé.




















