Bild: Bill Titze.

Oft kommt es nicht gerade vor, dass politische Beobachter aus den USA in der Saarpfalz aufschlagen. Mit der Homburgerin Marie-Astrid Langer war nun jedoch eine Journalistin zu Besuch, die seit einigen Jahren aus den Vereinigten Staaten berichtet. In Limbach las sie aus ihrem neuen Buch über die US-Vizepräsidentin Kamala Harris. Und hatte spannende Insider-Infos aus der US-Politik parat. 

Die US-Politik ist für viele in Deutschland ein Buch mit sieben Siegeln. Klar, die ungefähre politische Ausrichtung von Demokraten und Republikanern dürfte vielen ein Begriff sein. Und auch, dass der Oberste Gerichtshof im politischen System eine ausnehmend wichtige Rolle spielt, ist nicht völlig unbekannt. Aber warum viele US-Amerikaner beim Abtreibungsrecht deutlich restriktiver eingestellt sind als der Durchschnittsdeutsche und wieso Donald Trump trotz einer – höflich formuliert – erratischen Amtsführung bei den meisten seiner Anhänger immer noch verehrt wird, das ist auch dem politisch interessierten Bürger meist vollkommen unverständlich.

Da ist es mit Sicherheit nicht verkehrt, Input von einer Frau zu beziehen, die sich hauptberuflich mit der Politik in den USA beschäftigt. Das dachten sich wohl auch rund 100 Zuschauer, die ins Limbacher Theobald-Hock-Haus gekommen waren, um eine Lesung von Marie-Astrid Langer zu hören. Langer ist US-Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung in San Francisco und kam für eine Lesung aus ihrem neuen Buch „Kamala Harris. Ein Porträt“ in die Saarpfalz. Nun ja, nicht so ganz, denn eigentlich ist die gebürtige Homburgerin Langer auf Heimaturlaub und nutzte diesen, um nebenbei in der alten Heimat Werbung für ihr im renommierten Suhrkamp-Verlag erschienenes Werk zu machen. Dabei kam sie einem Ziel sehr nahe, dass sie vor einigen Jahren bewog, als Journalistin in die Vereinigten Staaten zu gehen: „Als ich ein Praktikum im Spiegel-Büro in Washington gemacht habe, da habe ich gemerkt, dass ich es schon toll fände zu erklären, wie die Amerikaner so ticken.“

Bruno von Lutz, Direktor des Deutsch-Amerikanischen Instituts Saarland und Marie-Astrid Langer. Bild: Bill Titze.

Genau das tat Langer bei ihrem rund anderthalbstündigen Vortrag in Limbach. So zum Beispiel beim Thema Abtreibungsrecht, das derzeit in den USA (wieder einmal) politisch heiß diskutiert wird. Der Oberste Gerichtshof hat nämlich erst vor kurzem entschieden, dass es in den USA kein generelles Recht auf Abtreibung gibt. Basis für dieses Urteil war nicht zuletzt die Ernennung von drei konservativen Richtern durch Ex-Präsident Trump. „Damit hat er eine Kernforderung der republikanischen Wähler umgesetzt“, erklärt Langer, wieso Trumps Anhänger trotz diverser juristischer Ermittlungen weiter hinter „ihrem“ Präsidenten stehen. Auch auf die Frage, warum das Thema Abtreibung in den USA eine so große Rolle spielt, hatte die Journalistin eine Antwort. „Dort spielt die Religion eine viel größere Rolle als bei uns. Das Ausmaß hat mich selbst wahnsinnig überrascht.“ Wie religiös Kamala Harris ist, blieb zwar offen, doch natürlich steht die 57-Jährige Vizepräsidentin im Mittelpunkt der Debatte in den USA. So wie beim Vortrag Langers.

Wie die Homburgerin berichtete, tourt Harris derzeit durchs ganze Land, um die demokratische Basis bei der Abtreibungsfrage zu mobilisieren. Das soll nicht zuletzt dafür sorgen, dass die Demokraten bei den Zwischenwahlen im November als Sieger vom politischen Feld gehen, wie die USA-Korrespondentin erklärte. Zu siegen, das hat Harris schon oft geschafft. Die mehr als fähige Juristin zog 2017 für Kalifornien in den US-Senat ein und wurde bereits vier Jahre später zur Vizepräsidentin gewählt. Ein historischer Moment, wie Langer bei ihrer Lesung immer wieder betonte. „Es war das erste Mal, dass eine Wahl der Vizepräsidentin geschichtsträchtiger war als die des Präsidenten“, liest Langer aus ihrem Buch vor. Schließlich ist Harris die erste Frau in diesem Amt, und dazu noch eine Afroamerikanerin.

Nun ist dies mit Sicherheit nicht von der Hand zu weisen. Harris Wahl ist historisch zu nennen, das würden wohl selbst die meisten Republikaner unterschreiben. Doch ist mit dieser Bewertung auch die Gefahr verbunden, Harris nur im Spiegel ihres Amtes – oder noch bedenklicher – ihrer Hautfarbe zu sehen. Das mag vor dem Hintergrund identitätspolitischer Debatten in den USA verlockend erscheinen, wird jedoch der Frau dahinter nicht gerecht. Wie tickt der Mensch Kamala Harris eigentlich, das fragte sich in Limbach nicht nur ein Zuschauer bei der Diskussionsrunde.

Bild: Bill Titze.

Leider gaben die von der Journalistin vorgetragenen Textstücke darauf nur selten eine Antwort. Da ging es vielmehr um den Anfang ihrer Vize-Präsidentschaft, eine Anhörung im Senat sowie um die politische Zukunft der 57-Jährigen. Harte politische Themen also, die natürlich ihren Reiz besitzen, jedoch nicht unbedingt etwas über den Menschen hinter der politischen Fassade verraten. Selbst wenn sich Langer auch in diesen Kapiteln spürbar bemüht, Beobachtungen einzustreuen, die etwas über den Charakter Harris‘ verraten könnten. Umso interessanter waren schließlich die Ausführungen Langers in der Diskussionsrunde, in denen sie den Blick auch hinter die Kulissen warf.

Zum Beispiel auf die laut Aussagen von Freunden, „warmherzige“ Frau, die der Tochter eines früheren Mitarbeiters trotz eines eng getakteten Zeitplans auch mal per Sprachnachrichten zum Geburtstag gratuliert. Aber eben auch das anderes Gesicht – eben das einer knallharten und machtbewussten Spitzenpolitikerin. „Mir haben Leute erzählt, dass man zu Arbeitssitzungen mit ihr besser nicht unvorbereitet kommt und einen Fehler lieber nicht zweimal macht“, verriet Langer dem Publikum. Auch seien Harris während ihrer erst kurzen Amtszeit als Vizepräsidentin bereits einige Mitarbeiter davongelaufen. „Ich habe schon den Eindruck, dass sie Leute verbrennt.“ Das war bei Langers Lesung in der Theobald-Hock-Halle keineswegs der Fall. Bis zum Schluss lauschten die Besucher den spannenden Einschätzungen der Homburgerin, die aus San Francisco über die innersten Zirkel der US-Politik berichtet.

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