Geschlossene deutsch-französische Grenze im Frühjahr 2020 in der ersten Welle der Corona-Pandemie. Foto: Brigitte Weber / UdS

Seit einem Jahr werden die Grenzübergänge innerhalb der Europäischen Union wegen der Corona-Pandemie immer wieder kontrolliert, einige Schlagbäume senkten sich zeitweise sogar ganz. Darunter litten vor allem die Grenzregionen, deren enge Verflechtungen plötzlich gekappt wurden. Die Besonderheiten dieser Grenzräume stehen jetzt im Mittelpunkt eines interdisziplinären Verbundprojekts, an dem Forscherinnen und Forscher der Universität des Saarlandes und drei weiterer Universitäten beteiligt sind. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Kooperation drei Jahre lang mit rund zwei Millionen Euro.

Florian Weber, Juniorprofessor für Europastudien der Universität des Saarlandes
Foto: Thorsten Mohr / UdS

Vor über 35 Jahren wurde das Schengener Abkommen unterzeichnet, das den schrittweisen Abbau von Personenkontrollen innerhalb der Europäischen Union regelte. „Die freie Fahrt über die nationalen Grenzen hinweg ist für uns Europäer selbstverständlich geworden. Die Grenzschließungen zu Beginn der Corona-Pandemie führte vielen erst schmerzhaft vor Augen, wie eng verflochten vor allem die grenznahen Regionen miteinander sind“, sagt Florian Weber, Juniorprofessor für Europastudien der Universität des Saarlandes. Gemeinsam mit mehreren Partnern will er die bisher noch immer unterschätzten Grenzräume von der Peripherie ins Zentrum rücken und dabei aufzeigen, welche Unterschiede es schon innerhalb Deutschlands gibt. „Wir wollen die Großregion, konkret das Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und Luxemburg, mit der Region Brandenburg-Lebus vergleichen, die Deutschland mit Polen verbindet“, erläutert Weber.

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln sollen nicht nur politische und wirtschaftliche Verflechtungen sichtbar gemacht werden, sondern es geht auch um die Frage, wie sich Menschen in den Grenzregionen sprachlich und kulturell annähern. „In unserer Grenzregion können wir auf jahrzehntelang gewachsene Kooperationen zurückblicken, Polen hingegen trat erst im Jahr 2007 dem Schengen-Raum bei. Dass es dort noch weniger Vernetzungen im Grenzraum gibt als etwa im Saarland, scheint auf der Hand zu liegen, aber als Forscher wollen wir hier nun genauer hinschauen“, erklärt Florian Weber. Der Geograph möchte daher untersuchen, wie sich die europäischen Grenzregionen als Kontaktzonen und Übergangsbereiche an den nationalstaatlichen Rändern entwickeln.

An dem interdisziplinären Verbundprojekt sind Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen Fachbereichen der Universität des Saarlandes, der Technischen Universität Kaiserslautern, der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg sowie der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder beteiligt. Sie wollen sich gemeinsam auf die folgenden Schwerpunkte konzentrieren: Politische Lernprozesse werden ebenso untersucht wie die Bedeutung von Sprache im Berufsausbildungskontext. Zudem werden Planungsprozesse und die Energieversorgung beleuchtet sowie Zugehörigkeiten und Identitäten in Filmen aus den Industrieregionen herausgearbeitet.

„Am Beispiel Energieversorgung kann man sehen, wie groß die Unterschiede heute noch auf engstem Raum sind: Während das Atomkraftwerk Cattenom nur 15 Kilometer von der deutsch-französischen Grenze entfernt liegt und noch viele weitere Jahre seinen Dienst tun soll, setzt man im Saarland stark auf den Ausbau der erneuerbaren Energien. In der Lausitz bereitet man sich auf den Ausstieg aus dem Braunkohle-Tagebau vor und will verstärkt auf klimafreundliche Energieerzeugung setzen, während in Polen rund 70 Prozent der Energie in Kohlekraftwerken erzeugt werden.“ Mit ihren Erkenntnissen aus dem Forschungsvorhaben wollen die Projektpartner in Zukunft auch Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft beraten und aufzeigen, wo die Probleme und Chancen der grenzüberschreitenden Kooperation liegen.

Am Verbundvorhaben „Linking Borderlands: Dynamiken grenzregionaler Peripherien“ sind an der Universität des Saarlandes neben Florian Weber auch Peter Dörrenbächer, Professor für Kulturgeographie, Astrid Fellner, Professorin für Nordamerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft, sowie Claudia Polzin-Haumann, Professorin für Romanische Sprachwissenschaft, beteiligt. Gemeinsam betreuen sie auch den Masterstudiengang „Border Studies“, an dem vier Universitäten in der Großregion mitwirken. Im Rahmen des Forschungsprojekts will zudem das „UniGR-Center for Border Studies“, das gemeinsame Zentrum für Grenzraumforschung der Universität der Großregion, enger mit dem Viadrina Center „B/Orders in Motion“ in Frankfurt (Oder) zusammenarbeiten und damit die gemeinsame Grenzraumforschung stärken. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert das Verbundvorhaben im Rahmen der Förderlinie „Regionalstudien“ mit insgesamt 2,05 Millionen Euro über drei Jahre. Davon fließen rund 675.000 Euro an die Universität des Saarlandes. Die Verbundkoordination liegt bei Juniorprofessor Florian Weber.

 

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