Fast jedes zweite Kind in Deutschland zeigt im Straßenverkehr erhebliche Aufmerksamkeitsdefizite – und an den Schulen fehlt schlicht die Zeit, um dagegen anzuarbeiten. Das ist der Kern einer aktuellen Umfrage der ADAC Stiftung unter 340 Lehrkräften, deren Ergebnisse ein deutliches Bild zeichnen: Mobilitätsbildung kommt im Unterricht zu kurz, und zwar sowohl in der Grundschule als auch an weiterführenden Schulen.
Die Zahlen sind alarmierend. 47 Prozent der Kinder können sich laut den befragten Lehrerinnen und Lehrern im Verkehrsgeschehen nicht ausreichend konzentrieren. Mehr als ein Drittel reagiert in kritischen Situationen zu langsam oder falsch. Hinzu kommt, dass gerade Grundschulkinder Entfernungen schlecht einschätzen und Gefahren oft nicht rechtzeitig erkennen. All das geschieht vor dem Hintergrund eines Straßenverkehrs, der sich rasant verändert hat – leise Elektroautos, E-Roller und Lastenräder stellen selbst Erwachsene vor neue Herausforderungen.
„Verkehr wird nicht nur mehr, sondern auch vielfältiger. Leise E-Autos, Roller oder Lastenräder stellen neue Anforderungen an Aufmerksamkeit und Orientierung. Kinder brauchen deshalb mehr Zeit, um zu lernen, sich sicher und gleichzeitig selbstständig in dieser komplexeren Mobilitätswelt zu bewegen“, betont Christina Tillmann, Vorständin der ADAC Stiftung. Wie dringend dieses Lernen ist, belegen die Unfallstatistiken: Im Jahr 2024 verunglückten 27.260 Kinder zwischen sechs und 14 Jahren im Straßenverkehr. 13 Prozent dieser Unfälle ereigneten sich in der morgendlichen Stunde zwischen 7 und 8 Uhr – also genau dann, wenn Tausende Schülerinnen und Schüler auf dem Weg ins Klassenzimmer sind.
Dabei ist Verkehrssicherheit durchaus Thema an Grundschulen. Mehr als 13 Unterrichtsstunden pro Jahr widmen Lehrkräfte dort der Mobilitätsbildung. Doch nach ihrer eigenen Einschätzung reicht das bei weitem nicht aus. Sie halten 18 Stunden jährlich für angemessen – rund fünf mehr als derzeit üblich. Noch größer fällt die Diskrepanz an weiterführenden Schulen aus: In den Klassen fünf und sechs stehen im Schnitt gerade einmal sechs Stunden pro Jahr für das Thema zur Verfügung, während die Lehrkräfte elf Stunden für notwendig erachten.
Warum die Lücke so groß bleibt, hat vor allem einen Grund: fehlende Zeit. 40 Prozent der Befragten nennen zu geringe zeitliche Ressourcen als größtes Hindernis. 28 Prozent vermissen ausreichende finanzielle Mittel. Jeweils ein Viertel beklagt eine unzureichende Infrastruktur, mangelnde Unterstützung durch kommunale Stellen oder eine fehlende Verankerung der Mobilitätsbildung in den Lehrplänen. Es ist also nicht der fehlende Wille der Pädagogen, sondern ein strukturelles Problem, das sich durch verschiedene Ebenen zieht.
Immerhin zeigt sich Offenheit für Hilfe von außen. 44 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer begrüßen die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern, die Expertise und fertige Programme in die Schulen bringen. Die ADAC Stiftung etwa unterstützt Schulen mit kostenlosen Angeboten wie „Aufgepasst mit ADACUS“, „Roller Fit“ und „Achtung Auto 2.0″ und erreichte nach eigenen Angaben im Jahr 2025 mehr als 590.000 Kinder und Jugendliche.
Die Umfrage, durchgeführt im März 2026 vom Institut „We are Family Research“ als Teil der Studie „Wie ticken Lehrkräfte“, basiert auf einer Onlinebefragung von 340 Lehrkräften in Deutschland. Die Fehlermarge liegt bei plus/minus fünf Prozentpunkten bei einem Konfidenzniveau von 95 Prozent. Die Ergebnisse mögen auf einer überschaubaren Stichprobe beruhen – doch die Botschaft der Pädagogen ist eindeutig: Wer Kinder sicher durch den modernen Straßenverkehr bringen will, muss ihnen in der Schule deutlich mehr Zeit dafür geben.




















