Symbolbild

Mehr als die Hälfte der Deutschen steht bereit für die europäische digitale Brieftasche – doch die technischen Voraussetzungen hinken dem Enthusiasmus weit hinterher. Das zeigt eine repräsentative Befragung von 1.004 Personen ab 16 Jahren, die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom zwischen der neunten und zwölften Kalenderwoche 2026 durchgeführt hat. Demnach wollen 54 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger die sogenannte EUDI-Wallet nutzen, sobald sie am 2. Januar 2027 an den Start geht. 39 Prozent zeigen kein Interesse, sechs Prozent sind noch unentschieden.

Das Problem liegt nicht in der Akzeptanz, sondern in der Infrastruktur auf dem eigenen Ausweis. Wer die EUDI-Wallet verwenden will, braucht die aktivierte Online-Funktion des Personalausweises samt zugehöriger PIN. Gerade einmal 18 Prozent der Befragten erfüllen diese Bedingung. Weitere 21 Prozent haben die eID zwar freigeschaltet, kennen ihre PIN jedoch nicht mehr. Eine satte Mehrheit von 57 Prozent hat die Online-Funktion bislang überhaupt nicht aktiviert, fünf Prozent machten dazu keine Angabe oder wussten es schlicht nicht.

Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst sieht darin ein drängendes Handlungsfeld: „Die meisten Menschen in Deutschland sind bereit für die EUDI-Wallet. Nun muss sichergestellt werden, dass sie die digitale Brieftasche ab Januar 2027 auch unkompliziert nutzen können.“ Wer seine eID nicht aktiviert habe oder die PIN vergessen habe, stehe am Starttag vor verschlossenen Türen. Wintergerst forderte die Bundesregierung auf, gemeinsam mit den Verwaltungen vor Ort eine breit angelegte Aktivierungs- und Informationskampagne zum elektronischen Personalausweis zu starten. Dabei müssten die Aktivierung der eID und die PIN-Rücksetzung so einfach und so digital wie möglich gestaltet werden.

Bei denjenigen, die sich eine Nutzung grundsätzlich vorstellen können, stehen digitale Dokumente ganz oben auf der Wunschliste. 61 Prozent aus dieser Gruppe wollen Ausweis, Führerschein oder vergleichbare Karten auf jeden Fall künftig digital auf dem Smartphone bei sich tragen, weitere 22 Prozent ziehen das zumindest in Betracht. Fast ebenso gefragt ist die Möglichkeit, Verträge oder Rechnungen digital zu unterzeichnen – 57 Prozent wollen das auf jeden Fall, 21 Prozent vielleicht. Auch der digitale Identitätsnachweis bei Behördengängen oder der Online-Eröffnung eines Bankkontos stößt auf vergleichbar hohe Zustimmung: 57 Prozent definitiv, 19 Prozent unter Umständen. Einen vereinfachten Login bei Portalen von Krankenkassen oder Finanzämtern wünschen sich 48 Prozent sicher und 34 Prozent möglicherweise. Wintergerst ordnete das Potenzial ein: „Die EUDI-Wallet ist eine echte digitale Identität und kann ein Turbo für die Digitalisierung werden, etwa bei der öffentlichen Verwaltung.“

Bei der Frage, wem die Bürgerinnen und Bürger ihre digitale Brieftasche anvertrauen würden, dominiert der Staat. 52 Prozent möchten eine EUDI-Wallet ausschließlich von staatlichen Stellen wie dem Bund beziehen. 19 Prozent stehen sowohl staatlichen als auch privaten Anbietern offen gegenüber, während 15 Prozent sich eine Wallet-App allein von privaten Unternehmen wie Telekommunikationsanbietern, Tech-Konzernen oder Finanzdienstleistern vorstellen können. Die restlichen 15 Prozent haben sich noch nicht festgelegt. Vorgesehen ist, dass voraussichtlich ab 2028 mehrere Organisationen und Unternehmen eigene Wallet-Apps anbieten dürfen – die Auswahl dürfte also wachsen.

Wie der Start der EUDI-Wallet gelingen kann, welche Pilotanwendungen bereits erprobt werden und welche regulatorischen Rahmenbedingungen gelten, stand im Mittelpunkt des diesjährigen eIDAS Summit des Bitkom. Die Veranstaltung unter Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung fand am 28. April in Berlin und am 29. April online statt. Zu den Rednerinnen und Rednern zählten Bundesminister Dr. Karsten Wildberger, Norbert Sagstetter von der Europäischen Kommission, Dr. Markus Reichel als Berichterstatter für Digitale Identitäten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sowie Bitkom-Vizepräsidentin Christina Raab, CEO von Accenture DACH. Die Konferenz unterstrich, dass die Technik zwar bereitsteht – der entscheidende Engpass aber bei den Bürgerinnen und Bürgern selbst liegt, genauer gesagt bei einem kleinen Plastikkärtchen und einer vergessenen sechsstelligen Zahl.

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