19 Delegierte aus Polen und der Ukraine reisten Mitte Mai teils über 1000 km nach Homburg, um im Rahmen der deutschlandweiten Europawochen 2026 mit dem Saarpfalz-Kreis in einen intensiven Dialog zu treten. Vier Tage lang diskutierten Landräte, Kreistagsvorsitzende, ein Parlamentsabgeordneter und Bürgermeister gemeinsam mit ihren saarländischen Gastgebern über grenzüberschreitende Zusammenarbeit, Sicherheitsfragen und die Zukunft Europas – und setzten dabei ein deutliches Zeichen dafür, dass europäische Einigung nicht nur in Brüssel stattfindet, sondern in den Regionen gelebt wird.
Für Landrat Frank John steht außer Frage, dass ein geeintes Europa alternativlos bleibt. „Europa ist viel mehr als nur eine Organisationsform. Europa ist vor allem eine Vision, die aus den Erfahrungen der Katastrophen von zwei Weltkriegen im 20. Jahrhundert und dem daraus resultierenden Elend entstanden ist“, betonte er. Aufkeimende Konflikte würden heute durch freundschaftliche Zusammenarbeit und wirtschaftliche Verflechtung gelöst, die EU dürfe man als „echten Friedensstifter und -bewahrer“ bezeichnen. Dass der Saarpfalz-Kreis diese Überzeugung nicht nur rhetorisch pflegt, zeigt sein über Jahrzehnte gewachsenes Partnerschaftsnetzwerk. Bereits seit den 1990er Jahren bestehen intensive Kontakte nach Frankreich, Polen und in die USA, wie die Europabeauftragte des Kreises, Dr. Violetta Frys, erläuterte. In den vergangenen Jahren sei das Netzwerk insbesondere in Richtung Polen und Ukraine erweitert worden – ein Engagement, für das Frys seit 15 Jahren verantwortlich zeichnet.
Das viertägige Programm der Europawoche führte die internationalen Gäste quer durch den Saarpfalz-Kreis. Im SeniorenHaus Mandelbachtal ging es um die Zukunft der Altenpflege, auf dem landwirtschaftlichen Betrieb Hunackerhof in Ormesheim um wirtschaftliche Perspektiven. Im dortigen Rathaus empfing Bürgermeisterin Maria Vermeulen die Delegationen. In St. Ingbert beeindruckte die Alte Schmelz als Industriekultur-Areal mit ihrer besonderen Stadt-Land-Beziehung in der Biosphäre und dem integrierten MINT-Campus. Ebenfalls in St. Ingbert besuchte die Gruppe das CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit, wo Dr. Mario Daniels über aktuelle Forschungsthemen zur Cybersicherheit informierte. Oberbürgermeister Prof. Dr. Ulli Meyer lud die Delegierten anschließend zum Gedankenaustausch ins Rathaus.

Eine Station, die vor allem den ukrainischen Gästen am Herzen lag, war das Homburger Unternehmen Dr. Theiss Naturwaren GmbH. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine unterstützt die Firma die Partnerregionen des Saarpfalz-Kreises mit zahlreichen Hilfstransporten. Geschäftsführender Gesellschafter Giuseppe Nardi begrüßte die Delegierten persönlich, die sich ihrerseits herzlich für die solidarische Hilfe bedankten. Unmittelbaren praktischen Nutzen brachte zudem ein Workshop in der Kreisverwaltung: Dr. Miroslaw Lukasiewicz und Julia Metalnikova vom polnischen Sicherheitsunternehmen JP Weber stellten ein Notfallprotokoll-System vor, das Verfahren zur schnellen Erfassung und Bewältigung von Krisensituationen umfasst. Dabei flossen ganz aktuell Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg ein – ein System, das auch für den Saarpfalz-Kreis in künftigen Krisen von Interesse sein könnte.
Die Partnerschaften des Kreises tragen inzwischen weit über die institutionelle Ebene hinaus Früchte. Die polnische Kreispartnerschaft mit Przemyśl besteht seit 15 Jahren, jene mit Łańcut seit fünf Jahren. Daraus sind weitere Verbindungen auf kommunaler und zivilgesellschaftlicher Ebene gewachsen. „Aus einer Delegationsreise, zu der ich im September 2025 eingeladen hatte, ist inzwischen eine Gemeindepartnerschaft zwischen der Gemeinde Mandelbachtal im Saarpfalz-Kreis und der Gemeinde Markowa im Landkreis Lancut geworden, die am 21. März dieses Jahres besiegelt worden ist“, freute sich Landrat John. Auch eine Partnerschaft zwischen den Pfadfindern von St. Ingbert und Łańcut sei daraus hervorgegangen, deren erstes binationales Projekt junge Menschen beider Länder in wenigen Tagen im Saarpfalz-Kreis zusammenbringen werde.
Die Europawoche blendete auch schwierige Kapitel nicht aus. An der Gedenkstätte zu Ehren der Seligen Familie Ulma in Gräfinthal legten die Teilnehmenden zwei Kränze nieder. Gemeinsam mit den Patres Petrus und Wilhelm des Benediktinerpriorats besuchten sie eine Andacht in der Klosterkapelle, die Pater Hieronim Jopek in deutscher und polnischer Sprache gestaltete und die Christian von Blohn musikalisch begleitete. Die Erinnerung an die durch den Zweiten Weltkrieg belastete deutsch-polnische Geschichte bildete damit einen bewussten Kontrapunkt zum Blick nach vorn.
Den Höhepunkt setzte eine große Festveranstaltung in Homburg, zu der neben allen Delegierten zahlreiche hochrangige Gäste erschienen. Der Chef der saarländischen Staatskanzlei David Lindemann, der polnische Generalkonsul Marek Głuszko, der ukrainische Konsul Taras Zholubak und Vizepräsident Gilbert Schuh vom Departementrat Moselle gaben der Veranstaltung diplomatisches Gewicht. Generalkonsul Głuszko erinnerte in seiner Rede an die Ideen Robert Schumans und Jean Monnets im europäischen Einigungsprozess, während Vizepräsident Schuh das über 60-jährige Bestehen des Élysée-Vertrags und dessen Bedeutung für die deutsch-französische Freundschaft sowie das Weimarer Dreieck hervorhob.
Der ukrainische Konsul Taras Zholubak griff das Motiv des Weimarer Dreiecks auf und unterstrich dessen Relevanz für sein Land: „Gerade in den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, wie wichtig diese europäische Achse für die Stabilität, Sicherheit und Handlungsfähigkeit Europas ist. Für die Ukraine ist es ermutigend zu sehen, dass diese Zusammenarbeit zunehmend auch die europäische Zukunft unseres Landes mitdenkt.“ David Lindemann, der als Bevollmächtigter für Europaangelegenheiten im Namen von Ministerpräsidentin Anke Rehlinger sprach, würdigte die Partnerschaftsarbeit des Saarpfalz-Kreises mit deutlichen Worten: „Europa entsteht dort, wo Menschen einander die Hand reichen – über Grenzen, Sprachen und Krisen hinweg. Die Partnerschaften mit Regionen in Polen, Frankreich und der Ukraine stehen für Zusammenhalt, Solidarität und den festen Willen, Europas Zukunft gemeinsam zu gestalten.“
Zwischen den Reden, die der Pianist Andy Pink am Flügel musikalisch umrahmte, fand ein zentraler Festakt statt: Die Partnerschaftsurkunde des Saarpfalz-Kreises mit dem Rayon Lwiw wurde erneuert – ein bewusstes Signal dauerhafter Solidarität mit der kriegsgezeichneten Ukraine. Bezirksratsvorsitzender Andrij Sulym und Landrat Frank John unterzeichneten das Dokument gemeinsam. „In einer sich stetig wandelnden Welt sind unsere Kreispartnerschaften ein starker Anker. Wir wollen gemeinsam unseren Einwohnerinnen und Einwohnern das grenzenlose Zusammenleben in Europa dauerhaft sichern und als lebendige Regionen das Fundament für ein starkes, geeintes und zukunftsfähiges Europa bilden“, fasste John zusammen.
Finanziell getragen wurde die Europawoche von Engagement Global aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie von der Staatskanzlei des Saarlandes.















