Differenzierung statt Verbotsreflex: Mit diesem Anspruch reagiert der Digitalverband Bitkom auf die Handlungsempfehlungen der Unabhängigen Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurden. Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder sieht in dem Papier in weiten Teilen einen richtigen Weg – warnt zugleich aber vor pauschalen Eingriffen, die an der Schulrealität vorbeigingen.
Besonders positiv bewertet der Verband, dass die Kommission auf einen risikobasierten Ansatz setzt, statt soziale Netzwerke generell für junge Nutzerinnen und Nutzer zu sperren. „Entscheidend ist, welche Risiken mit einem Angebot tatsächlich verbunden und welche Schutzmaßnahmen dann erforderlich sind“, betont Rohleder. Schutz, Befähigung und Teilhabe seien keine Gegensätze, sondern bildeten gemeinsam das Fundament eines modernen Jugendmedienschutzes.
Einen weiteren Pluspunkt sieht Bitkom darin, dass die Expertinnen und Experten auf nationale Alleingänge verzichten. Plattformen agieren grenzüberschreitend, viele Anbieter haben ihren Sitz in anderen EU-Staaten – rein deutsche Regelwerke würden ins Leere greifen. „Jugendmedienschutz muss europäisch gedacht werden“, fasst Rohleder die Position des Verbands zusammen. Nur so ließen sich verbindliche Standards schaffen, die in der digitalen Lebenswirklichkeit junger Menschen tatsächlich wirken.
Ausdrückliche Zustimmung erhalten die Vorschläge zur Stärkung der Medienbildung. Eine verpflichtende Aus- und Weiterbildung von Fach- und Lehrkräften, frühzeitig vermittelte KI-Kompetenzen und ein fächerübergreifender Ansatz für ältere Schülerinnen und Schüler gelten dem Verband als zentrale Bausteine. Auch die Einbindung externer Fachleute in den Schulalltag könne dazu beitragen, dass digitale Bildung praxisnäher und verbindlicher werde. Rohleders Credo: „Medienkompetenz entsteht nicht durch Ausschluss, sondern durch altersgerechte, begleitete Praxis.“
Deutlich kritischer fällt die Bewertung beim Vorschlag aus, Smartphones bundesweit bis einschließlich Klasse sieben aus den Schulen zu verbannen. Eine solche Vorgabe gehe am Alltag in den Einrichtungen vorbei und bremse die digitale Gestaltung des Unterrichts aus. Mehr als neun von zehn Schulen in Deutschland verfügten bereits über eigene Regelungen zum Umgang mit mobilen Geräten – ein flächendeckendes Verbot würde diese gewachsenen Strukturen unterlaufen, statt sie zu stärken.
Was die Schulen aus Sicht des Verbands tatsächlich benötigen, sind keine zusätzlichen Verbote, sondern Rückenwind bei der rechtssicheren Anwendung ihrer eigenen Hausregeln. Leitlinien und Musterschulordnungen könnten dabei helfen, bestehende Konzepte zu schärfen und Lehrkräften Handlungssicherheit zu geben. Die eigentliche Aufgabe liege darin, Kinder und Jugendliche schrittweise zu einem sicheren, verantwortungsvollen und selbstbewussten Umgang mit digitalen Angeboten zu befähigen – nicht darin, ihnen den Zugang zu verschließen.


















