Symbolbild

Die deutsche Industrie steht nach Einschätzung ihres Spitzenverbandes an einem Wendepunkt. „Die Lage der deutschen Industrie ist kritisch. Kritisch heißt aber nicht hoffnungslos. Kritisch heißt, dass es jetzt auf Entscheidungen ankommt“, machte BDI-Präsident Peter Leibinger beim Tag der Industrie in Berlin deutlich. Sein Appell an die Bundesregierung: Schluss mit Stückwerk, her mit einem entschlossenen Reformkurs.

Die Zahlen, die der Bundesverband der Deutschen Industrie an diesem 22. Juni 2026 vorlegte, untermauern die Dringlichkeit. Noch im Januar hatte der Verband für das laufende Jahr ein Wachstum von einem Prozent in Aussicht gestellt. Inzwischen rechnet der BDI nur noch mit mageren 0,4 Prozent. Maßgeblich verantwortlich für die Korrektur nach unten sind nach Angaben des Verbandes der Iran-Krieg sowie dessen Folgen für Energiepreise und Lieferketten, die sich in den vergangenen Monaten spürbar verschärft haben.

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Doch Leibinger verweist nicht allein auf äußere Schocks. Hausgemachte Probleme drücken den Standort mindestens ebenso stark. „Wir sind oft nicht mehr so viel besser, wie wir teurer sind“, brachte er die Lage auf den Punkt. Hohe Energiepreise, drückende Steuern, steigende Lohnstückkosten, üppige Lohnzusatzkosten und eine ausufernde Bürokratie summieren sich nach Darstellung des Verbandes zu einem Wettbewerbsnachteil, den die deutsche Industrie immer weniger durch Qualität ausgleichen könne.

Einzelmaßnahmen reichen aus Sicht des BDI nicht mehr aus. Statt eines Flickenteppichs fordert Leibinger einen großen Wurf: „Wir brauchen mehr als ein Puzzle aus einzelnen Reformen. Wir brauchen zuerst ein Zielbild für den Standort.“ Nur ein faires Gesamtpaket, dessen Lasten gerecht verteilt werden, könne den Aufbruch tatsächlich tragen. Die Bilanz der Bundesregierung nach gut einem Jahr im Amt fällt entsprechend nüchtern aus – die Stagnation, so der Vorwurf, sei geblieben.

Konkret verlangt der Industrieverband ein Bündel an Eingriffen, das spürbare Entlastung bringen soll: niedrigere Unternehmenssteuern, bessere Abschreibungsregeln, gezielte Innovationsanreize. Arbeit dürfe sich nicht weiter verteuern, Planungs- und Genehmigungsverfahren müssten endlich beschleunigt, die Verwaltung effizienter werden. Hinzu komme die Haushaltsfrage: Ein zukunftsfähiger Standort benötige eine solide finanzpolitische Basis, in der konsequent priorisiert und konsolidiert wird.

Trotz der harschen Diagnose betonte Leibinger, Deutschland verfüge weiterhin über ein starkes industrielles Fundament und innovative Unternehmen. Ohne entschlossene Reformen drohten allerdings dauerhafte Verluste an Wertschöpfung. „Die Politik muss liefern – konsequent, verlässlich und mit Priorität für Wachstum“, mahnte der BDI-Präsident. „Dann entstehen Investitionen, Wachstum und Aufbruch. Der Weg nach vorn ist nicht eine Option von mehreren. Er ist unsere gemeinsame Aufgabe.“

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Der Tag der Industrie 2026 findet als zweitägige Hybridveranstaltung auf dem EUREF Campus in Berlin statt. Mehr als 1.500 Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft kommen dort zusammen. Auf der Rednerliste stehen unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz, Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, Verteidigungsminister Boris Pistorius sowie Umweltminister Carsten Schneider. Auch Digitalisierungsminister Karsten Wildberger und Forschungsministerin Dorothee Bär sind angekündigt. Internationale Akzente setzen die Exekutiv-Vizepräsidentin der EU-Kommission, Henna Virkkunen, und die belarussische Oppositionspolitikerin Maria Kalesnikawa.

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