Die sinkenden Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler sollen nicht länger hingenommen werden. Am 26. März hat die Bildungsministerkonferenz in Berlin gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Karin Prien eine Roadmap verabschiedet, die innerhalb der kommenden zehn Jahre eine Trendumkehr bei den Kompetenzen junger Menschen erreichen soll. Konkret geht es darum, den Anteil jener Kinder und Jugendlichen deutlich zu senken, die grundlegende Mindeststandards verfehlen – und gleichzeitig die Leistungsspitze gezielt zu fördern. Grundlage des Beschlusses sind die alarmierenden Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2024, der im vergangenen Jahr erhebliche Kompetenzrückgänge in zentralen Fächern offengelegt hatte.
Die Roadmap ist das Ergebnis eines monatelangen Arbeitsprozesses, in den neben Bund und Ländern auch Wissenschaft und Schulpraxis eingebunden waren. Eine Klausurtagung der Staatssekretärinnen und Staatssekretäre Anfang 2026 hatte die wesentlichen Stellschrauben identifiziert. Insgesamt sieben Handlungsfelder sollen die Bildungsqualität auf allen Ebenen des Systems verbessern. Entscheidend sei dabei, so der Beschluss, dass die einzelnen Maßnahmen nicht isoliert nebeneinander stehen, sondern als kohärentes Gesamtpaket wirken.
Um rasch erste Fortschritte sichtbar zu machen, konzentrieren sich Bund und Länder zunächst auf drei Schwerpunkte: die datengestützte Qualitätsentwicklung von Schule und Unterricht, die Verbesserung der Lernvoraussetzungen – insbesondere im sozial-emotionalen Bereich – sowie den Transfer von Erkenntnissen der Bildungsforschung in die Unterrichtspraxis. Vorhandenes Wissen soll systematischer genutzt und schneller in konkrete Fördermaßnahmen übersetzt werden. Weitere Felder wie Sprachbildung, Lehrkräftebildung, Leitungshandeln und die Qualität von Unterrichtsmaterialien werden in einem strukturierten Folgeprozess vertieft, den einzelne Länder koordinieren.
BMK-Präsidentin Anna Stolz, zugleich Bayerische Staatsministerin für Unterricht und Kultus, formulierte den Anspruch unmissverständlich: „Der IQB-Bildungstrend ist für uns ein klarer Handlungsauftrag. Erkenntnisse müssen konsequent genutzt und konkrete Verbesserungen im Unterricht umgesetzt werden. Von Daten zu Taten, vom Testen zur gezielten Förderung – das muss unser Anspruch sein.“ Bund und Länder müssten eng zusammenarbeiten, damit Unterstützung frühzeitig dort ankomme, wo sie gebraucht werde.
Bundesbildungsministerin Prien unterstrich, dass rückläufige Kompetenzen kein Zustand seien, mit dem man sich abfinden dürfe. „Jedes Kind soll die Chance auf bessere Bildung haben und sein Potenzial zu entfalten – unabhängig von Herkunft oder Startbedingungen“, sagte sie. Entscheidend sei nun, evidenzbasiert zu handeln, wirksame Ansätze zügig umzusetzen und Schulen spürbar zu stärken. Bund und Länder stünden gemeinsam in der Verantwortung für mehr Bildungsgerechtigkeit.
Auch aus den Ländern kamen deutliche Signale. Christine Streichert-Clivot, saarländische Bildungsministerin und A-Länderkoordinatorin, betonte, der Bildungstrend sei kein Grund zur Resignation, sondern ein deutliches Signal gewesen. „Gerade die wachsende Ungleichheit bei den Bildungschancen macht deutlich, dass wir gezielter und wirksamer werden müssen“, erklärte sie. Veränderungen müssten dort ansetzen, wo sie tatsächlich wirkten: im Unterricht, in der Förderung und an den Übergängen im Bildungssystem. Es brauche mehr Verbindlichkeit und ein besser abgestimmtes Vorgehen.
Nordrhein-Westfalens Schulministerin Dorothee Feller, die als B-Länderkoordinatorin fungiert, lenkte den Blick auf ein weiteres Problem: das schwindende Interesse an mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. „Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass sich Schülerinnen und Schüler immer weniger für die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer interessieren“, mahnte sie. Man müsse sich stärker fragen, wie junge Menschen besser erreicht und ihnen Erfolgserlebnisse im Unterricht ermöglicht werden könnten.
Mit dem Beschluss vom 26. März überführen Bund und Länder ihre bisherigen Analysen in einen verbindlichen Umsetzungsprozess. Die identifizierten Maßnahmen sollen schrittweise konkretisiert, erfolgreiche Ansätze aus einzelnen Ländern für das gesamte Bildungssystem nutzbar gemacht werden. Ob die ambitionierte Zehn-Jahres-Perspektive tatsächlich zu messbaren Verbesserungen führt, wird sich an den kommenden IQB-Bildungstrends ablesen lassen. Der politische Wille jedenfalls ist dokumentiert – nun muss er den Weg in die Klassenzimmer finden.




















