Symbolbild

Nahezu die gesamte deutsche Industrie hält die digitale Transformation ihrer Produktion für unverzichtbar – und doch sieht sich fast jedes zweite Unternehmen beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz als Nachzügler. Dieses Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit offenbart eine aktuelle Bitkom-Studie, die der Digitalverband anlässlich der Hannover Messe vorgelegt hat. Für die repräsentative Erhebung wurden 555 Industrieunternehmen des verarbeitenden Gewerbes mit mindestens 100 Beschäftigten in Deutschland befragt.

94 Prozent der befragten Unternehmen stufen Industrie 4.0 als sehr wichtig oder sogar unverzichtbar ein, um international bestehen zu können. 81 Prozent bewerten den Einsatz digitaler Technologien in der Fertigung als Chance, lediglich 16 Prozent erkennen darin ein Risiko. „Industrie 4.0 ist kein Technologietrend, sondern die Basis für industrielle Wettbewerbsfähigkeit“, sagte Bitkom-Vizepräsidentin Dr. Tanja Rückert. Mit KI und perspektivisch humanoiden Robotern erhalte die digitale Transformation ein massives Upgrade.

Anzeige

Dass diese Transformation längst im Fabrikhalltag angekommen ist, belegen die Zahlen eindrücklich. 97 Prozent der Industrieunternehmen nutzen bereits mindestens eine Industrie-4.0-Anwendung. Künstliche Intelligenz kommt bei 40 Prozent zum Einsatz, weitere 38 Prozent planen die Einführung. Digitale Zwillinge haben 45 Prozent der Betriebe implementiert, IoT-Plattformen ebenfalls 45 Prozent. Noch am Anfang steht dagegen Physical AI – also KI, die Maschinen befähigt, physische Aufgaben eigenständig zu erledigen. Sechs Prozent setzen sie ein, 28 Prozent planen dies. Gut ein Viertel der Unternehmen will 2026 mehr in Industrie-4.0-Technologien investieren als im Vorjahr, die Hälfte hält das bisherige Niveau.

Besonders kontrovers diskutiert die Branche humanoide Roboter. 64 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass menschenähnlich gebaute, KI-gesteuerte Maschinen die Industrie produktiver machen können. 68 Prozent fordern, Deutschland solle diese Technologie rasch selbst entwickeln und auf den Weltmarkt bringen. Gleichzeitig hält fast jedes dritte Unternehmen humanoide Roboter für einen vorübergehenden Hype, 41 Prozent bezweifeln, dass der Nutzen die Kosten überwiegt. „An humanoiden Robotern scheiden sich derzeit die Geister“, kommentierte Rückert. Aktuell arbeiten sechs Prozent der Industrieunternehmen mit solchen Robotern, zehn Prozent planen deren Einsatz. Für knapp drei Viertel ist das Thema noch nicht relevant. Langfristig allerdings kann sich nahezu die gesamte Industrie – 97 Prozent – vorstellen, dass humanoide Roboter breit in der Produktion zum Einsatz kommen. Jedes fünfte Unternehmen rechnet damit innerhalb der nächsten zehn Jahre, die Mehrheit hält einen Zeitraum von elf bis 20 Jahren für realistisch. Rückert ordnete ein: „Humanoide Roboter waren vorgestern Science Fiction, gestern galten sie als visionär und jetzt werden sie zu einem echten, geschäftsrelevanten Industriethema.“

Anzeige

Beim Thema KI zeigt sich ein ambivalentes Bild. 79 Prozent halten Künstliche Intelligenz für entscheidend, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie zu sichern. 76 Prozent wünschen sich eine Vorreiterrolle Deutschlands. Doch 55 Prozent – neun Prozentpunkte mehr als im Vorjahr – befürchten, die deutsche Industrie könnte die KI-Revolution verschlafen. 46 Prozent der Unternehmen sehen sich selbst als Nachzügler oder sogar abgeschlagen, während sich die andere Hälfte im vorderen Feld verortet. Nur 19 Prozent tun KI als vorübergehenden Hype ab.

Die schwierige Konjunktur verschärft die Lage zusätzlich. 58 Prozent der Industrieunternehmen gehen davon aus, dass die aktuelle wirtschaftliche Situation ihre Digitalisierung bremst. 45 Prozent rechnen mit Stellenabbau im eigenen Betrieb, während 48 Prozent hoffen, durch Personalkürzungen bei Wettbewerbern Fachkräfte gewinnen zu können. Hinzu kommt wachsender Druck aus China: 62 Prozent der Unternehmen spüren einen starken oder sehr starken Wettbewerbsdruck durch gestiegene chinesische Exporte. Im internationalen Vergleich sehen die Befragten Deutschland bei Industrie 4.0 nur auf Rang drei – hinter China, das 34 Prozent als führend einstufen, und den USA mit 21 Prozent. Lediglich zehn Prozent sehen Deutschland an der Spitze.

Was folgt daraus? Rückert forderte bessere Standortbedingungen für industrielle KI: mehr Rechenkapazitäten, leistungsfähigere Dateninfrastrukturen, praxistaugliche Regulierung, gezielte Fachkräftequalifizierung und einfachere Förderprogramme für den Mittelstand. „Jetzt geht es nicht mehr um das nächste Pilotprojekt, sondern um den breiten Einsatz von KI in der Wirtschaft und Industrie“, betonte sie. Die Botschaft ist klar: Wer die nächste Stufe der industriellen Digitalisierung erreichen will, muss investieren – in Technologie, Infrastruktur und vor allem in die Menschen, die beides zusammenbringen.

💬 Was meinst du dazu?Dein Kommentar

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein