Rund 30 Prozent der Kinder im Saarland können bei ihrer Einschulung nicht ausreichend Deutsch sprechen – eine Zahl, die das Bildungsministerium zum Handeln zwingt. Mit dem neuen Gesamtkonzept „Startklar Deutsch – alle Chancen für alle Kinder“ führt das Land eine verpflichtende Sprachstandsfeststellung für alle Vierjährigen ein. Der Startschuss fällt bereits im April 2026, wenn ein zweistufiger Modellversuch an 28 Startchancen-Grundschulen und 92 Kitas in sämtlichen Landkreisen beginnt.
Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot macht deutlich, was auf dem Spiel steht: „In ganz Deutschland können immer weniger Kinder ausreichend Deutsch sprechen, wenn sie in die Schule starten. Mit dieser Feststellung ist klar, dass zentrale Rechte unserer Kinder tangiert sind: Das Recht auf Bildung. Das Recht auf Teilhabe. Das Recht, sich ausdrücken zu können.“ Ein Kind, das sich sprachlich nicht mitteilen könne, werde seltener gehört, beteilige sich weniger und lerne schlechter, so die Ministerin. Genau an diesem Punkt setze das neue Konzept an.
Das Herzstück von „Startklar Deutsch“ bildet eine einheitliche Sprachstandserhebung, die knapp zwei Jahre vor dem Schuleintritt stattfindet – eingebettet in eine vorgezogene Schulanmeldung. Damit werden sämtliche Kinder eines Jahrgangs erfasst, unabhängig davon, ob sie bereits eine Kita besuchen oder nicht. Zum Einsatz kommt dabei die sogenannte „Wuschel-App“, ein digitales Diagnoseinstrument, das gemeinsam mit der Universität des Saarlandes entwickelt wurde und bereits in Sprach-Kitas erprobt ist. Die App ermittelt auf spielerische Weise Wortschatz, Sprachverständnis, Satzbau und Erzählfähigkeit der Kinder. Die pädagogische Einschätzung bleibt dabei stets in den Händen der Fachkräfte.
Zeigt die Erhebung einen erheblichen Förderbedarf, greift im letzten Kitajahr das sogenannte „Bildungschancenjahr“. Konkret bedeutet das: Betroffene Kinder erhalten vier zusätzliche Wochenstunden gezielte Sprachförderung in kleinen Gruppen, begleitet von Sprachförderlehrkräften und eingebettet in den regulären Kita-Alltag. Für Kinder, die bislang keine Kita besuchen, wird ein Ersatzangebot im Umfang von 15 Wochenstunden geschaffen. Dieses kann je nach örtlichen Gegebenheiten in einer Kita, einer Schule oder einem anderen Sozialraum stattfinden und wird gemeinsam mit den Trägern der Jugendhilfe organisiert. Die Ergebnisse der Sprachstandsfeststellung sollen transparent mit den Eltern besprochen werden, um eine echte Verantwortungspartnerschaft zwischen Familien, Kitas, Schulen und dem Staat aufzubauen.
Der Modellversuch selbst gliedert sich in zwei Phasen. Die erste startet unmittelbar mit 14 Schulen und 42 Kitas. Im April 2026 erhalten die beteiligten Schulen die Meldedaten aller Kinder, die zum Schuljahr 2027/2028 schulpflichtig werden. Darauf folgt die Erhebung der Sprachstände, die verbindliche Förderung beginnt dann nach den Sommerferien an den Modellstandorten. Auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse will das Land im kommenden Jahr die rechtlichen Voraussetzungen für einen verpflichtenden Kitabesuch schaffen – für all jene Kinder, deren Deutschkenntnisse nicht ausreichen.
Eine zentrale Voraussetzung dafür ist die vollständige Kitabeitragsfreiheit, die ab 2027 gelten soll. Parallel unterstützt das Land die Kommunen mit zusätzlichen 24 Millionen Euro für den Ausbau von Kitaplätzen im Rahmen des sogenannten Kita-Turbo. Das Konzept knüpft dabei an bestehende Strukturen an: Nachdem das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ ausgelaufen war, hatte das Saarland die Förderung eigenständig fortgeführt und ausgebaut. Die nun eingeführte flächendeckende Sprachstandsfeststellung geht einen entscheidenden Schritt weiter.
Ministerin Streichert-Clivot fasst den Anspruch des Programms in klare Worte: „Wir schauen hin und fördern verbindlich. Wir erreichen alle Kinder – auch diejenigen ohne Kitaplatz. Kein Kind soll am ersten Schultag schweigen müssen, weil ihm die Worte fehlen. Wir geben jedem Kind im Saarland eine starke Stimme. Denn starke Sprache bedeutet starke Zukunft.“






















