Die deutsche Baubranche steht vor einem Paradox: Während die Auftragsbücher im Februar 2026 insgesamt deutlich zulegten, drücken explodierende Materialkosten infolge des Irankriegs und eine hartnäckig schlechte Witterung auf Umsätze und Stimmung. Das Statistische Bundesamt meldete für das Bauhauptgewerbe ein reales Orderplus von 9,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat – doch hinter der Zahl verbirgt sich ein zutiefst gespaltenes Bild.
Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer der Bauindustrie, ordnete die Lage mit deutlichen Worten ein: „Der Rückgang im Januar war demnach nur ein kleiner Rückschlag, die vorsichtigen Wachstumssignale des vergangenen Jahres haben sich im Februar fortgesetzt.“ Allerdings schränkte er sofort ein, dass längst nicht alle Sparten und Regionen von der Erholung profitieren. Der Wohnungsbau etwa verzeichnete im Februar einen realen Rückgang von knapp fünf Prozent, kumuliert für die ersten zwei Monate sogar ein Minus von zehn Prozent. Die gestiegenen Baugenehmigungen haben sich dort bislang nicht in konkreten Aufträgen niedergeschlagen. Auch der Straßenbau kam trotz politischer Ankündigungen nicht vom Fleck und lag im Februar nur marginal über dem ohnehin niedrigen Vorjahresniveau. In der Summe der Monate Januar und Februar steht für den Straßenbau ein Minus von acht Prozent zu Buche. Immerhin: Über alle Sparten hinweg ergibt sich für das gesamte Bauhauptgewerbe in den ersten zwei Monaten ein reales Plus von 2,7 Prozent.
Doch diese Zahlen spiegeln eine Welt wider, die es so nicht mehr gibt. Müller wies ausdrücklich darauf hin, dass die Februar-Aufträge den Trend vor Beginn des Irankriegs abbilden. Gestiegene Öl- und Gaspreise, deren Folgen für Baumaterialkosten, leicht angezogene Zinsen und eine wachsende Verunsicherung bei den Unternehmen hätten sich in den Daten noch nicht bemerkbar gemacht. „Dies kann aber noch kommen“, warnte er. Die Zahlen einer aktuellen DIHK-Blitzumfrage zu den wirtschaftlichen Folgen des Nahost-Konflikts untermauern diese Sorge: 86 Prozent der befragten Bauunternehmen klagten über gestiegene Energiekosten, drei Viertel über höhere Rohstoff- und Materialpreise. Damit ist die Baubranche stärker betroffen als der gesamtwirtschaftliche Durchschnitt, der bei 71 beziehungsweise 58 Prozent liegt. Mehr als die Hälfte der Unternehmen – 57 Prozent – musste bereits die eigenen Preise anpassen.
Besonders dramatisch zeigen sich die Verwerfungen bei einzelnen Baustoffen. Im März meldeten die Unternehmen binnen Monatsfrist Preissteigerungen von 25,3 Prozent bei Dieselkraftstoff und sogar 36,4 Prozent bei Bitumen. Damit wurden die massiven Preissprünge erreicht oder sogar übertroffen, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im März 2022 durch die Branche gegangen waren. Und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht: Da der Erzeugerpreisindex jeweils zur Monatsmitte erhoben wird, sind die starken Ölpreissprünge von Ende März in den aktuellen Daten noch gar nicht enthalten. Eine Creditreform-Umfrage im Mittelstand bestätigt den Trend – 56 Prozent der befragten Bauunternehmen planen, ihre Angebotspreise in naher Zukunft weiter anzuheben, lediglich drei Prozent rechnen mit sinkenden Preisen.
Müller richtete angesichts dieser Gemengelage einen dringenden Appell an die öffentliche Hand: „Derzeit ist eine seriöse Kalkulation von Bauleistungen kaum möglich.“ Unternehmen seien gezwungen, Risikoaufschläge in ihre Angebote einzupreisen, sofern keine Preisgleitklauseln vereinbart wurden. Das führe unweigerlich zu höheren Angebotspreisen und könne dringend notwendige Investitionen in Wohnungsbau und Infrastruktur weiter verzögern. „Die Bauunternehmen können nicht allein die Preisrisiken internationaler Krisen tragen, die Risiken müssen fair verteilt werden“, forderte er und verlangte von öffentlichen Auftraggebern die Einführung rückwirkender Preisgleitungen.
Die Umsatzentwicklung unterstrich derweil, wie fragil die Lage bleibt. Der baugewerbliche Umsatz im gesamten Bauhauptgewerbe ging im Februar real um 13,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zurück. Für Januar und Februar zusammen ergibt sich ein Minus von 10,6 Prozent. Dass sich die verbesserte Auftragslage nicht in den Erlösen widerspiegelt, liegt vor allem am Wetter: Im Durchschnitt der ersten zwei Monate klagten laut ifo-Konjunkturtest 56 Prozent der befragten Bauunternehmen über witterungsbedingte Beeinträchtigungen ihrer Bautätigkeit – im Vorjahreszeitraum waren es nur 44 Prozent gewesen. Die Branche muss also gleich an mehreren Fronten kämpfen: gegen geopolitische Preisschocks, gegen politische Trägheit im Wohnungs- und Straßenbau und gegen ein Frühjahr, das seinen Namen bislang nicht verdient hat.





















