Der Himmel über Homburg war bereits tintenblau, als sich die Türen des Siebenpfeifferhauses öffneten und der große Saal sich im Nu füllte. Familien mit neugierigen Kindern, Jugendliche mit leuchtenden Augen, Erwachsene mit Heitz-Bänden unterm Arm – das Publikum war, wenn auch zumeist schwarz gekleidet, bunt gemischt und bereit für einen magischen Abend. Man spürte einfach diese prickelnde Erwartung, die nur entsteht, wenn ein Autor kommt, der mehr kann, als aus dem eigenen Werk vorzulesen: jemand, der Welten aufzieht, seine Figuren atmen lässt und seine Umgebung als Erzählraum begreift.
Den Auftakt machte Veranstalter Hans-Joachim Burgardt. Er nutzte den Abend, um die „Homburger Schreibfeder“ vorzustellen: einen Wettbewerb für die Klassenstufen 5 bis 7, bei dem Kinder und Jugendliche eigene Märchen, Sagen und Legenden mit Homburg-Bezug einreichen können – inklusive Preisgeld für die Klassenkassen. Wichtig dabei: Die Ursprungsidee hatte Markus Heitz selbst schon früher eingebracht; Burgardt und sein Team griffen sie auf und machten daraus ein Projekt. Burgardt erzählte zudem von einem alten Zeitschriftenfoto – ein Junge, allein in der Straßenbahn, vertieft in ein Buch, unterschrieben mit „Seltene Aufnahme einer aussterbenden Art“. „Das hat mich getroffen“, sagte er. Seine Stimme verriet, wie nah dem Literaturförderer das Thema geht.

Die Magie beginnt vor der Haustür
Vorgestellt hat Autor Markus Heitz bei der HomBuch „Irida und die Stadt der Geheimnisse“, den Auftakt einer neuen Kinder- und Jugendbuchreihe (erschienen im August, direkt auf Platz 6 der SPIEGEL-Bestsellerliste eingestiegen). Der Clou: Hohenburg ist Homburg; die Schlossberghöhlen blicken vom Cover; „Schwarzenacker“ wird zu „Schwarzacker“, „Kirkel“ zu „Kerkel“. Leicht verfremdet, aber für Einheimische sofort erkennbar. Heitz nennt es „magischen Realismus“, die Hogwarts-Logik für die Region: Das Wunder findet nicht im Nirgendwo statt, sondern zwischen Lagerstraße und Freilichtbühne Rabenhorst, zwischen Tennisplätzen und Maisfeldern.
Im Zentrum stehen die Furchtlosen: Irida Bäcker, Cedric Maya, Jeremy und Jinjin Sophia Zimmer – keine glatten Figuren, sondern Kinder mit Marotten und Eigenheiten. Irida hinkt und stottert, wenn sie nervös wird, ist dafür auffallend stark und hat einen unstillbaren Appetit. Cedric lebt und kleidet K-Pop. Jeremy stolpert über Wörter und landet bei charmanten Eigenkreationen („gemobst“ wird bei ihm schon mal zu „gechihuabat“). Jinjin kennt Märchen und Sagen auswendig. Und Onkel Ardo – Silberlocke, Tüftler, Kauz – ist der schräge Erwachsene, der den Kindern die Tür zur Welt des Fantastischen aufstößt.

Trailer-Lesung statt linearer Strecke
Heitz las nicht einfach der Reihe nach, sondern bestens aufgelegt im Trailer-Modus: eine Szene, kurz erklärt, dann ein Stück vorgelesen – und genau dort abgebrochen, wo es spannend wird. Wie im Kino, wenn ein Filmtrailer Lust auf mehr macht. Zu hören waren unter anderem eine nächtliche Szene auf einem Feld, ein Besuch in der Villa Sonderbar in der Lagerstraße, ein Abstecher zur Freilichtbühne Rabenhorst – dort mit einer Parapsychologin als Figur – sowie ein Legenden-Exkurs um einen Ritter und einen geheimnisvollen Schlüssel. Mehr verriet Heitz bewusst nicht. Der Effekt: Spannung ohne Spoiler. All das erzeugte im Saal direkt eine Neugier. Kinder zogen die Schultern ein, als das Knurren aus dem Unterholz beschrieben wurde; Erwachsene suchten unwillkürlich nach intertextuellen Wegweisern. Heitz streut sie mit kalkulierter Lust, sie sind Einladungen zum Mitdenken.

Homburg als Bühne – und Labor
Bemerkenswert ist außerdem, wie Heitz die Topografie Homburgs literarisch kartiert. Die Kinder fahren mit dem Rad zur Bühne Rabenhorst, spähen zwischen Sträuchern, diskutieren an der Lagerstraße über Sagenstoffe, spüren in der Nähe der römischen Ausgrabungen von Schwarzenacker den Dingen nach, die „unter der Oberfläche“ liegen. Das alles hat weniger von Postkartenfolklore als von Feldforschung: Karl Lohmeyers Sammlung der Sagen der Saar dient als Archiv. Heitz plündert aber nicht, er transformiert. Aus dem Stoff der Überlieferung modelliert er einen einzigartigen Rhythmus, der sich an die heutigen Hör- und Lesegeschwindigkeiten anschmiegt, das normal scheinende auf eine neue Ebene transferiert.

Dass er das kann, erklärt er selbst mit biografischer Nüchternheit: Er hat Germanistik und Geschichte studiert, zunächst auf Lehramt, später als Magister. Danach arbeitete er mehrere Jahre als Lokaljournalist bei der Saarbrücker Zeitung. Mit dem Erfolg seiner „Zwerge“-Reihe kam der Bruch – seit 2004 lebt Heitz als hauptberuflicher Autor. Interessant ist nicht nur die Karriere als solche, sondern seine Arbeitsmethodik, welche er seinem Homburger Publikum ausführlich erklärt: Heitz ist Plotter. Bevor eine erste Zeile entsteht, steht die Strecke: Szenenplan, Figurenprofile, Schauplatzlogik. Nicht romantisch, aber sehr effizient. Das immunisiert gegen „Schreibblockade“, sagt er, so etwas kenne er übergaupt nicht. Disziplin, eine Prise Selbstironie, viel Schwarztee – und die Gewissheit, dass Spaß der Motor bleibt. So entstehen jedes Jahr mindestens zwei neue Bücher in unterschiedlichen Registern, vom Thriller bis zur Kinderfantastik.

„Saarland-Marketing“ mit Augenzwinkern
Dass die Schlossberghöhlen auf dem Cover prangen, ist kein Zufall. Heitz macht Homburg sichtbar – nicht als Randnotiz, sondern als literarischen Schauplatz. Auf Lesereisen erlebt er oft, dass ein schlichtes „Saarland“ als Antwort auf die Herkunftsfrage reicht. Für ihn zu wenig. „Dann drehen wir den Spieß eben um“, sagt er. Mit Irida soll künftig Homburg aufpoppen – als Koordinate auf der Landkarte der Fantasie.
Das ist Saarland-Marketing mit doppeltem Boden: augenzwinkernd, aber effektiv. Statt Imagekampagnen setzt Heitz auf Geschichten. Er baut reale Orte ein, verschiebt Namen minimal, webt Legenden ein – und verwandelt so Vertrautes in Staunenswertes. Wer das Buch liest, erkennt den Hang, die Ruine, die Höhlen. Und irgendwann, hofft er, stehen nicht nur Figuren, sondern auch Leserinnen und Leser in den Schlossberghöhlen – „Europas größte Buntsandsteinhöhle, da muss doch mal was passieren“. Wie recht er hat.

Ausblick
Klar ist: Diese Reise hat gerade erst begonnen. Der zweite Band, „Irida und die Rätsel der Ruine“, erscheint im Januar, am dritten Teil arbeitet Heitz bereits – die Veröffentlichung ist für den Sommer geplant. Wie viel Arbeit zwischen letzter Manuskriptseite und Buchhandlung liegt, machte er an diesem Abend transparent: Zunächst folgen mehrere Überarbeitungsrunden, bevor der Text ins Lektorat geht. Dort wird gefeilt, geschliffen, gestrichen, ergänzt – bis jedes Detail sitzt. Parallel dazu entsteht der Satz, also das eigentliche Layout des Buches, und die Covergestaltung. Dann erst rücken Marketing und Vertrieb an, ehe der Druck die finale Form liefert. „Das Schreiben selbst ist schnell“, sagte Heitz, „aber bis ein Buch auf der Ladentheke liegt, braucht es seine Zeit.“ Für das Publikum war das mehr als nur ein Produktionsbericht – es war die Zusage, dass die Reihe mit Verlässlichkeit wächst. Wer sich an diesem Abend in Irida und ihre Furchtlosen verliebt hat, kann sicher sein: Die nächsten Kapitel sind längst unterwegs.

Die HomBuch, seine Partner, und die Signierstunde
Zum Schluss trat Vera Backes vom HomBuch-Team – zugleich Vertreterin des Hauptsponsors Dr. Theiss Naturwaren – ans Mikrofon. Sie lobte, was an diesem Abend tatsächlich auf der Hand lag: dass hier jemand nicht nur gut schreibt, sondern gut liest; dass er Figuren nicht nur erfindet, sondern ihnen auch auf der Bühne Stimmen verleiht. Und auch die Technik stimmte: Thorsten Ecker, technischer Leiter von Mertel Veranstaltungstechnik aus St. Ingbert, sorgte souverän dafür, dass jedes Wort glasklar im Saal ankam. Draußen im Foyer stand Markus Heitz dann noch lange, signierte – „bevorzugt meine eigenen Bücher“, wie er witzelnd sagte.

Nachhall
Dieser HomBuch-Abend hat gezeigt, wie nah große Fantastik liegen kann, wenn man den Blick ein wenig justiert und ideenreich ans Werk geht. Markus Heitz verlegt das Wunderhafte dorthin, wo es Reibung und Spannung bekommt: in die Stadt, in der man wohnt. Er erfindet nicht „über“ Homburg, er schreibt durch Homburg – mit Respekt vor den lokalen Sagen, mit Gespür für heutige Dramaturgien und mit einem Humor, der das „dunkle“ Genre entkrampft. Wer dabei war, ging mit dem verführerischen Verdacht nach Hause, dass unter jedem Gullydeckel eine Geschichte wartet. Und dass manchmal nur der richtige Schlüssel fehlt, damit sie aufspringt. Fantasie ist doch was Tolles!



























