Homburg an einem spätsommerlichen Samstagnachmittag. Schon vor 17 Uhr drängen die Besucher in die Galerie Julia Johannsen. Die Stühle sind eng gestellt, jeder Platz wird an diesem Tag besetzt werden.
Kaum ist die erste Veranstaltung beendet, strömen neue Gäste hinein – auch die zweite Runde um 18:30 Uhr ist ausverkauft. Zwei Veranstaltungen direkt hintereinander, volles Haus: Im Rahmen der HomBuch wurde nicht einfach eine weitere Kunst-Ausstellung eröffnet, sondern ein künstlerisch-literarisches Experiment gewagt, das Anspruch hatte – und trotzdem eine enorme Atmosphäre, die es in sich hatte.

Ein Roman als Fundament
Im Mittelpunkt stand ein Werk, das man nicht einfach mal leicht nebenbei liest: Thomas Manns „Zauberberg“. Erschienen 1924, über tausend Seiten stark, erzählt er von Hans Castorp, der eigentlich nur drei Wochen in einem Schweizer Sanatorium verbringen wollte – und dort sieben Jahre blieb. Zwischen Krankheit und Genesung, Liebe und Tod, endlosen philosophischen Debatten und unterschwelliger Politik entwirft Mann das Panorama einer Epoche kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Viele verehren den Roman als Meisterwerk, andere geben schnell auf, scheitern nach den ersten hundert Seiten. Aber genau das macht ihn so besonders: Wer sich darauf einlässt, entdeckt in der Schwere eine ungeheure Klarheit – und erstaunlich aktuelle Bezüge.
Dass ausgerechnet dieser Stoff zur Grundlage einer Ausstellung in Homburg wird, ist kein Zufall. Julia Johannsen ist keine Galeristin, die den einfachen Weg geht. Sie versammelt Menschen mit hohem Kunstverständnis um sich, sucht aber immer wieder auch das Neue, Unerwartete. Ihre Galerie lebt eben davon, dass sie mehr ist als weiße Wände mit schönen Bildern: Sie ist ein Raum für Austausch, für Experimente, immer bereit für den nächsten Schritt, für das Besondere und Einzigartige.
Schon seit Jahren verbindet sie eine Freundschaft mit Schauspieler Martin Feifel, der regelmäßig in Homburg ausstellt und sich auch diesmal von Manns Sprache inspirieren ließ. Neben Feifel folgten auch andere Künstler ihrem Ruf – jeder mit einer eigenen Handschrift, aber alle im Dialog mit demselben Thema.

Bilder zwischen Bergen und Sternen
So präsentierte Julia Johannsen eigene Arbeiten, in denen Berge und Seen wie aus einer Zwischenwelt erscheinen. Ihre Bilder tragen etwas Traumartiges in sich – ein Spiel zwischen Realität und Imagination, das den Betrachter in eine stille, fast zeitlose Atmosphäre hineinzieht.
Martin Feifel überraschte mit neuen großformatigen Leinwänden: dicht, kräftig, spürbar getragen von seiner intensiven Beschäftigung mit dem „Zauberberg“. Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Robert Bals steuerte Fotografien bei, die die Wucht und Unberechenbarkeit von Gebirgslandschaften einfangen. Dr. Sebastian Voltmer, bekannt als Astrofotograf, öffnete den Blick nach oben – auf Milchstraße, Planetenbahnen, Polarlichter. Gemeinsam entstand ein Panorama, das Natur, Zeit und Vergänglichkeit aus verschiedenen Perspektiven sichtbar machte.

Sabine Göttel und die Schule der Demokratie
Der literarische Teil des Abends gehörte Sabine Göttel. Die in Homburg geborene Schriftstellerin und Dozentin lebt heute in Hannover, kam aber für das Lesefest HomBuch liebend gern in ihre Heimat zurück. Sie nahm sich Thomas Manns Roman in einer eigens verfassten Keynote vor – und machte klar, dass es hier nicht um Feuilleton-Feinsinn, sondern um die großen Fragen geht. „Ich möchte Sie dazu verführen, dieses Buch als Schule der Demokratie zu lesen“, sagte sie gleich zu Beginn. Und dann spannte sie einen weiten Bogen: von den dekadenten Tagen im Sanatorium Davos über die endlosen Streitgespräche zwischen Settembrini und Naphta bis hin zum berühmten Schneekapitel. Ihre Botschaft: Der „Zauberberg“ erzählt nicht nur von einer vergangenen Epoche. Er stellt Fragen, die heute wieder brennend sind – über Freiheit und Autorität, über Humanität und Hass, über die Kraft der Liebe gegen die Anziehung des Todes. Anspruchsvoll? Ja, sehr. Aber auch eben hochaktuell.

Kunst und Literatur im Gleichklang
Was diesen Abend so besonders machte, war das Zusammenspiel. Die Lesung forderte viel, die Ausstellung öffnete sich dafür aber auch breit und außergewöhnlich vielfältig. Worte und Bilder griffen ineinander, gaben einander Tiefe. Wer nach der Veranstaltung durch die drei Etagen der Galerie ging, spürte diesen Dialog: Leinwände, Fotografien, Sternenhimmel, die Stimmen der Literatur – alles im Gespräch miteinander.
Nach beiden Veranstaltungen blieb noch viel Zeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Am Büchertisch in der ersten Etage konnten Besucher Sabine Göttels Werke erwerben und signieren lassen. Zwischen Staffeleien, Fotografien und Bildern entstanden kleine Gesprächsinseln, neugierige Blicke, leises Staunen und stetige Neugier.

Ein starkes Zeichen für die HomBuch
„Magic Mountains“ war kein leichtes Programm. Es war dicht, anspruchsvoll, mitunter fordernd – und genau das machte es so stark. Denn selten wird Literatur und Kunst so ernsthaft zusammengeführt, dass daraus etwas Neues entsteht. Die HomBuch hat mit diesem Nachmittag und Abend gezeigt, was möglich ist, wenn man mutige Themen setzt. Und Julia Johannsen hat einmal mehr bewiesen, dass sie ihre Galerie zu einem Ort machen kann, an dem Kunst und Literatur nicht nebeneinander stehen, sondern miteinander wachsen.































