Hera Lind - Foto: Stephan Bonaventura
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Schon gleich zu Beginn zündet Hera Lind den ersten Lacher: „95 Prozent Frauen, fünf Prozent Mitgebrachte – und die sitzen auch noch in der Nähe der Notausgänge.“ Das Publikum im Siebenpfeifferhaus ist sofort auf ihrer Seite. Denn dieser Abend beim Lesefest HomBuch ist keine gewöhnliche Lesung, sondern eine temporeiche One-Woman-Show. Hera Lind erzählt ihr Leben – als Roman, als Kabarett, als Oper. Mit voller Energie.

Vom Rundfunkchor ins Rampenlicht – und in den vierten Stock

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Bevor sie zur Bestsellerautorin wurde, war Lind Sängerin – und mit Anfang zwanzig bereits fest im Kölner Rundfunkchor angestellt. Eine Szene aus dieser Zeit erzählt sie so filmreif, dass man sie direkt vor Augen hat. Ort: Alte Oper Frankfurt. Werk: Verdi-Requiem. Am Konzerttag der Anruf im Hotel: Die Solistin ist ausgefallen, Lind hat die Partie studiert – ob sie heute Abend einspringen könne? Live-Übertragung im Fernsehen. Sie ruft ihre Eltern in Bielefeld an: „Ich komme heute im Fernsehen!“

Foto: Stephan Bonaventura

Auf der Bühne spürt sie die Blicke mancher Kolleginnen – und plötzlich das panische Bedürfnis, eine Toilette zu finden. Eine Kollegin weist sie „hinter der Bühne“ zu einer Eisentür. Dumm nur: Außen keine Klinke. Lind steht im Regen auf einer vierspurigen Straße, während drinnen das Orchester spielt. Sie sprintet zu einem Wohnhaus, klingelt alle Schilder, ein älterer Herr im vierten Stock öffnet – Filzpantoffeln, Janker, trockenes „Kommen Sie rein“. Geschäft erledigt, Schnäpschen abgelehnt, zurück zum Opernhaus.

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Der Pförtner glaubt ihr nicht („ausverkauft“). Inzwischen hat ihre Kollegin das Solo übernommen. In einem Moment der Stille – bevor der Gesang allein weitergeht – tritt Lind auf die Bühne, bedankt sich knapp und übernimmt den Part. Vor laufender Kamera singt sie das Requiem zu Ende. Nach dem Konzert fehlt ihr der Mut, sich Chor oder Publikum zu stellen. Wohin also? Aus purer Not läuft sie wieder zu jener Tür – zu dem älteren Herrn im vierten Stock, dem Einzigen, von dem sie weiß: Der ist nicht böse auf mich. Diesmal nimmt sie sein Schnäpschen, dazu ein Leberwurstbrot. Momente, die sie niemals vergisst. Doch irgendwann wird klar: Sie muss weiter. Also ruft sie die Notfallnummer des Theaterarztes. Der holt sie ab, fährt sie im Regen nach Köln – und bleibt 16 Jahre ihr Lebensgefährte, Vater ihrer vier Kinder. So spielt das Leben.

Foto: Stephan Bonaventura

Hollywood – Verfilmungen, Casting, Ausnahmezustand

Die 1990er-Jahre sind für Hera Lind ein Rausch. Ihre Bücher verkaufen sich millionenfach, „Das Superweib“ steht über zwei Jahre an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste. Mitten im Südtirol-Urlaub erreicht sie ein Fax, das ihr Leben erneut auf den Kopf stellt: Constantin Film kündigt an, „Das Superweib“ und „Die Zauberfrau“ mit deutscher Starbesetzung zu verfilmen – und bittet sie, das Drehbuch mitzugestalten. Dazu noch Summen mit vielen Nullen unter der Grußformel. „Mein innerer Schweinehund kam sofort aus der Hütte und tanzte“, erzählt Lind in Homburg lachend.

Kurz darauf fliegt sie nach Hollywood, erlebt Castingrunden, Premierenfeiern und eine Starbesetzung, die heute wie ein „Who is Who“ klingt: Veronica Ferres in der Hauptrolle, Heiner Lauterbach, Iris Berben, Senta Berger, Liselotte Pulver – und ein junger Til Schweiger mit schweigender Nebenrolle. Mit funkelnden Augen schildert sie, wie surreal diese Zeit war – zwischen Kinderalltag in Köln und Drehbuchbesprechungen mit Bernd Eichinger. Genau dieser Kontrast machte über die ganze Zeit hinweg den Reiz ihrer Erzählungen aus: Lind feiert sich selbst und das Außergewöhnliche, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Foto: Stephan Bonaventura

Traumschiff, Chansons – und der Boulevardsturm

Es war kurz vor ihrem 42. Geburtstag, als Wolfgang Rademann anrief. Der Traumschiff-Produzent wollte, dass Hera Lind ein paar Folgen mitschreibt. Als sie spontan fragte: „Wann geht’s los?“, kam seine trockene Antwort: „Ach, mitfahren wollen Sie auch?“ Elf Tage wurden daraus. „Und Sie können auch eine kleine Rolle übernehmen“, fügte er hinzu – die Ehefrau von Fritz Wepper. Lind konterte sofort: „Drehen wir im Stehen oder im Sitzen?“ – das Publikum lachte herzhaft.

In Dubai stieg sie an Bord, zusammen mit der regulären Crew: Anja und Gerrit Kling, Sascha Hehn und viele andere. Für die Passagiere war außerdem ein Stargast angekündigt – Harald Juhnke, als Entertainer am Abend. Doch Juhnke fiel aus. Und so kam die Bitte an Hera Lind, einzuspringen. Statt Klassik sang sie Chansons – „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ –, begleitet vom Orchester.

An Bord begegnet sie auch dem österreichischen Hotelmanager – kein Kapitän, wie später behauptet wurde, sondern der Mann, der das Leben an Bord organisierte. Fürsorglich, aufmerksam, ein Gentleman, wie Lind verträumt beschrieb. Er verschönert ihre Kabine, sie kommen ins Gespräch, und bald ist da mehr als nur freundliche Kollegialität.

Am nächsten Tag nimmt er sich frei, um ihr Bombay zu zeigen. Gemeinsam tauchen sie in die pulsierende Metropole ein, schlendern durch die überfüllten Straßen, überqueren Hand in Hand die chaotischen Kreuzungen. Für Lind ist es ein überwältigender Moment – ein Gefühl, das weit über eine Urlaubsbekanntschaft hinausgeht.

Das Publikum lauscht gespannt den Erzählungen von Hera Lind – Foto: Stephan Bonaventura

Doch die Intimität bleibt nicht unbemerkt. Eine junge BILD-Reporterin, eigentlich wegen Harald Juhnke an Bord, folgt den beiden mit der Kamera. Wenige Tage später titelt das Blatt: „Hier brennt Hera Lind mit einem Kapitän durch – Indien!“ Sie erzählt ihrem Publikum ganz offen, was dieser Skandal anrichtete: Wochenlang Titelseiten, Paparazzi vor der Haustür in Köln, der Stempel „Deutschlands Rabenmutter Nr. 1“. Verlage lösen Verträge, Fernsehsender ziehen sich zurück, Buchhandlungen schicken ihre Werke zurück.

Für Lind ist es ein Bruch, ein Absturz und zugleich ein Neuanfang. Schließlich flieht sie mit den kleineren Kindern nach Österreich, an die Seite des Mannes, den sie auf dem Schiff kennengelernt hat. Dort bauen sie sich ein neues Leben auf, sie heiraten – und bis heute sind beide verheiratet und überglücklich. Übrigens: Auch in Homburg war er mit dabei und versorgte Lind auf der Bühne mit kalten Karlsberg UrPils.

Foto: Stephan Bonaventura

Der lange Weg zurück – und neue Bücher aus echten Leben

Es dauert ganze sieben Jahre, bis sich ein Verlag wieder mit Hera Lind einlässt. Den Anstoß gibt ein Brief aus Solingen: Ein Mann schreibt ihr die bewegende Geschichte seiner Frau, die mit 29 Jahren ins Wachkoma fällt – hochschwanger. Er kämpft dafür, dass das Kind zur Welt kommt, und tatsächlich wird es per Kaiserschnitt geboren. Für Lind ist klar: Diese Geschichte muss erzählt werden.

Doch von allein öffnet sich keine Tür. Ihr Mann fährt zur Frankfurter Buchmesse, klopft von Stand zu Stand, wirbt für sie – und schließlich gibt ein Verlag ihr die Chance. Startauflage: 10.000 Exemplare. Kaum erschienen, verkauft sich das Buch über eine halbe Million Mal und bringt sie zurück in die Bestsellerlisten.Damit beginnt ihre zweite Laufbahn.

Foto: Stephan Bonaventura

Nächster Stoff: ganz nah – Forbach

Zum Schluss schlägt sie den Bogen in die Region: Ihr aktuelles Projekt führt nach Forbach (FR), direkt hinter der saarländischen Grenze. Eine Mutter flieht in den letzten Kriegstagen mit zwei Kleinkindern, bekommt Zwillinge im Stall, während der Vater in Frankreich Zwangsarbeit leisten muss. „Alle sagten: Die kriegst du nicht durch. Heute sind die Zwillinge 80“, sagt Lind. „Ich darf ihre Geschichte aufschreiben.“ Das ist echte Nähe, die man spürt und das Publikum hört gespannt zu.

Abgang mit Pointe

Nach zwei Stunden und einigen wunderbaren Gesangseinlagen wechselt sie noch einmal die Tonart – mit einem Witz, großem Lachen und langem Applaus mit Standing Ovations. Hera Lind hat hier vielleicht den längsten Showabend der HomBuch-Reihe geliefert, zu keinem Zeitpunkt langweilig, rasant wie eine Achterbahn und mit gehörigem Temperament. Kein Wunder, dass am Ende Hochbetrieb bei der Signierstunde war.

Hera Lind bei der Signierstunde in Homburg – Foto: Stephan Bonaventura
Foto: Stephan Bonaventura

 

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