Die EU-Kommission will die Löschung von Emissionszertifikaten aus der Marktstabilitätsreserve vorübergehend aussetzen – ein Schritt, der nach Einschätzung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) das Preissignal im europäischen Emissionshandel mittelfristig erheblich schwächen könnte. Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, mahnte am 2. April 2026, dass genau dies nicht passieren dürfe: Das Preissignal des ETS 1 dürfe über 2030 hinaus nicht zu stark verwässert werden.
Der europäische Emissionshandel, kurz ETS 1, gilt als das zentrale marktbasierte Instrument der Klimapolitik in der EU. Unternehmen müssen für jede Tonne ausgestoßenes CO₂ Zertifikate vorweisen, deren Menge schrittweise sinkt. Dadurch steigt der Preis für Emissionen – und damit der Anreiz, in klimafreundliche Technologien zu investieren. Die Marktstabilitätsreserve wiederum dient dazu, überschüssige Zertifikate vom Markt zu nehmen und bei Bedarf wieder freizugeben. Werden Zertifikate aus dieser Reserve nicht mehr gelöscht, wächst der potenzielle Vorrat, was den CO₂-Preis langfristig drücken kann.
Genau hier setzt die Kritik des BDEW an. Kurzfristig, so räumte Andreae ein, habe der Kommissionsvorschlag keine gravierenden Auswirkungen auf den Zertifikatepreis. Mittel- bis langfristig allerdings könne die wachsende Reservemenge eine preisdämpfende Wirkung entfalten. Wie stark dieser Effekt tatsächlich ausfalle, hänge maßgeblich von der für Sommer 2026 angekündigten umfassenden Reform des ETS 1 ab. Deren Ausgestaltung werde entscheidend dafür sein, ob das System seine Lenkungswirkung behalte.
Grundsätzlich begrüßt der Verband den geplanten Reformprozess. Andreae betonte, der BDEW unterstütze das Ziel der Europäischen Kommission, Carbon Leakage zu verhindern und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zu sichern. Unter Carbon Leakage versteht man die Verlagerung von Produktion und damit verbundenen Emissionen in Länder mit weniger strengen Klimaauflagen – ein Szenario, das weder dem Klima noch der europäischen Wirtschaft nützt.
Für die Energiewirtschaft seien verlässliche und planbare Rahmenbedingungen unverzichtbar, unterstrich die BDEW-Chefin. Nur unter solchen Voraussetzungen könnten Investitionen in die Transformation gelingen. Der Emissionshandel müsse deshalb als glaubwürdiges, marktbasiertes Instrument erhalten bleiben, statt durch politische Eingriffe an Steuerungskraft zu verlieren.
Zugleich forderte Andreae Lösungen, die sowohl klimapolitische Vorreiter als auch besonders schwer zu dekarbonisierende Sektoren auf dem Weg zur Klimaneutralität einbeziehen. Konkret nannte sie Elektrifizierung und Wasserstoffnutzung als zentrale Hebel, deren Ausbau weiter vorangetrieben werden müsse. Der Appell richtet sich damit nicht nur an Brüssel, sondern an alle Akteure, die den europäischen Klimaschutz mitgestalten – von der Schwerindustrie bis zur Energieversorgung.


















