Foto: Assyrischer Kulturverein e. V. Saarlouis

Als George Darani den Abschiebebescheid in den Händen hielt, verlor er das Bewusstsein. Der 32-Jährige stürzte in seiner Wohnung in St. Ingbert mit dem Kopf gegen eine Tischkante, ein tiefer Riss in der Schädelhaut war die Folge. Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte zusätzlich eine Thorax-Prellung und ein Schädel-Hirn-Trauma. Seine Frau Larisa Alsaifi, 26, die unter Panikattacken leidet, hatte den Rettungsdienst gerufen. Zwei Wochen später ist die Naht an Daranis Kopf noch deutlich sichtbar – ebenso wie die Angst in den Augen des Ehepaars. „Es war ein Schock für uns“, sagt Darani im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung.

Der Brief, der alles ins Wanken brachte, kam am 9. April vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Außenstelle Lebach. Darin wird dem christlichen Ehepaar die Abschiebung nach Syrien angedroht, sollte es Deutschland nicht innerhalb von 30 Tagen freiwillig verlassen. Dabei hatten sich Alsaifi und Darani in St. Ingbert ein neues Leben aufgebaut, seit sie im Frühjahr 2024 aus Damaskus flohen. Beide arbeiten in einer Filiale der Bäckereikette Gillen, beide haben das deutsche B1-Sprachzertifikat erworben und die Prüfung in deutscher Demokratie bestanden. „Wir haben alles getan, um hier anzukommen“, sagt Darani, der in Damaskus Tourismus studiert und sieben Jahre in einem Reisebüro gearbeitet hatte. Um die Jahreswende 2025/26 fand er sogar eine Stelle in seinem erlernten Beruf bei einem Reisebüro in Landstuhl – bis ihm gekündigt wurde, nachdem die Angriffe der USA und Israels auf den Iran das Reisegeschäft einbrechen ließen.

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Das Ehepaar gehört den Assyrern an, einer ethnisch-kulturellen Minderheit mit eigenen neuaramäischen Sprachvarianten und unterschiedlichen christlichen Kirchenzugehörigkeiten. Was sie aus Damaskus vertrieb, war blanke Gewalt. „Zwei islamistische Gruppen lieferten sich Kämpfe mit den Assad-Truppen in unserem Viertel, ständig wurde geschossen, und es fielen Bomben“, schildert Alsaifi. Doch auch unter dem neuen syrischen Machthaber Ahmed al Scharaa habe sich die Lage für Christen nicht gebessert, im Gegenteil. „Es werden Christen auf offener Straße entführt, christliche Frauen werden gezwungen, ein Kopftuch zu tragen und drangsaliert“, berichtet Darani. Zur Untermauerung zeigt er auf seinem Smartphone Fotos eines Cousins, der noch in Damaskus lebt. Der Mann hatte nach einem Autounfall in seiner Wut Gott verflucht – Islamisten hätten ihn daraufhin verhaftet und gefoltert. Die Bilder zeigen blutverkrustete Striemen auf seinem Rücken. Alsaifi hat Tränen in den Augen, als sie sagt: „Wir können nicht zurückgehen.“

In ihrer Verzweiflung wandten sich die beiden an Charli Kanoun, den Vorsitzenden des Assyrischen Kulturvereins in Saarlouis, der rund 500 christliche Assyrer im Saarland vertritt. Es sei der erste ihm bekannte Fall, dass christliche Syrer aus dem Saarland abgeschoben werden sollen, erklärt Kanoun – inzwischen habe er jedoch von weiteren Betroffenen erfahren. „Wir Assyrer waren immer eine Minderheit in Syrien und werden seit 2000 Jahren verfolgt“, sagt er. Von einst zwei Millionen Assyrern zur Zeit der Assad-Diktatur lebten nach 14 Jahren Bürgerkrieg nur noch 250.000 in Syrien. „Es sieht so aus, als solle Syrien frei von Christen gemacht werden“, kritisiert Kanoun den neuen Machthaber al Scharaa, der nichts für den Schutz der christlichen Minderheit unternehme. Es ist derselbe al Scharaa, der kürzlich in Berlin von Bundeskanzler Friedrich Merz empfangen wurde. Merz erklärte bei diesem Anlass, dass 80 Prozent der etwa eine Million Syrer in Deutschland nach Syrien zurückkehren müssten.

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Rechtlich hat das Ehepaar vorerst eine Atempause gewonnen. Der Saarbrücker Rechtsanwalt Bernhard Dahm, der Alsaifi und Darani vertritt, legte fristgerecht Klage beim Verwaltungsgericht in Saarlouis gegen den ablehnenden Asylbescheid ein. „Mit der Einreichung der Klage dürfen die Eheleute bis zu einer endgültigen Entscheidung durch das Verwaltungsgericht nicht nach Syrien abgeschoben werden“, betont Dahm. Doch wie lange dieser Aufschub währt, ist völlig offen. Richterin Simone Berg teilte der Saarbrücker Zeitung mit, dass seit Jahresbeginn 452 Hauptsacheklagen und 16 Eilverfahren mit Syrien-Bezug beim Verwaltungsgericht eingegangen seien, Stand 30. April. „Wie lange die Abarbeitung der anhängigen Asylklage dauert, hängt vom Einzelfall ab und ist aufgrund der hohen Belastung des Gerichts nicht absehbar“, erklärte Berg.

Dahm selbst gibt sich nüchtern, was die Erfolgsaussichten betrifft. „Nach meiner Einschätzung dürfte die Klage allein aufgrund des Umstandes der christlichen Religionszugehörigkeit und angesichts der äußerst hohen Hürden, die das Bundesverwaltungsgericht zur Bejahung einer Gruppenverfolgung gesetzt hat, keine Aussicht auf Erfolg haben“, räumt der Anwalt ein. Allerdings könnten die individuellen Umstände des Falles durchaus zu einer positiven Entscheidung führen. „Es ist nur Gewalt dort auf den Straßen“, fasst Alsaifi zusammen, was sie bei einer Rückkehr erwartet.

Parallel zur juristischen Auseinandersetzung hat sich auch die katholische Kirche eingeschaltet. Kanoun wandte sich per E-Mail an den Trierer Bischof Stephan Ackermann mit der Bitte um Unterstützung. Ackermann beauftragte daraufhin die Leiterin des Katholischen Büros Saarland, Ordinariatsdirektorin Katja Göbel, Kontakt zur SPD-Landesregierung aufzunehmen. Göbel fungiert als zentrale Ansprechpartnerin zwischen den Bistümern Trier und Speyer und der Landesregierung und steht mit dieser auch in regelmäßigem Austausch zum Thema Kirchenasyl. „Wir verstehen es als christliche Pflicht, Menschen beizustehen, denen im Falle einer Abschiebung in ihrem Herkunftsland Verfolgung drohen“, erklärte Ute Kirch von der Bischöflichen Pressestelle in Saarbrücken. Kirchenasyl sei jedoch die Ultima Ratio und könne nur in einem besonderen, mit dem Bundesinnenministerium und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vereinbarten Verfahren durchgeführt werden.

Von Saarlands Innenminister Reinhold Jost hingegen fehlt bislang jede Reaktion. Weder Kanoun noch das Ehepaar haben eine Antwort erhalten. Auch eine Anfrage der Saarbrücker Zeitung vom 27. April sowie eine telefonische Nachfrage zwei Tage später blieben ohne Rückmeldung. „Wir appellieren an Minister Jost, eine humanitäre Lösung zu finden und die Integration des Ehepaares anzuerkennen. Bitte denken Sie an die Menschenleben, Herr Jost“, richtet Kanoun seinen Appell direkt an den Minister. Für Larisa Alsaifi und George Darani bleibt die Ungewissheit ihr täglicher Begleiter – und die Hoffnung, dass ihr neues Leben in St. Ingbert nicht an einem Abschiebebescheid zerbricht.

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