Ob Altersvorsorgepflicht, der Abbau von Bürokratie oder neue Auflagen für Betriebe: Wer in den deutschen Landtagen über die Spielregeln für Selbstständige entscheidet, hat diese Spielregeln auffällig häufig selbst am eigenen Leib erfahren. Eine Auswertung der Steuer-App Accountable kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als jeder fünfte Landtagsabgeordnete vor seinem Mandat hauptberuflich auf eigene Rechnung gearbeitet hat.
Für die Untersuchung nahm das Berliner Unternehmen den beruflichen Werdegang aller 1.884 Abgeordneten in den 16 deutschen Landesparlamenten unter die Lupe. Dabei zeigte sich: 409 Parlamentarier waren vor ihrem Einzug ins Parlament selbstständig oder unternehmerisch tätig. Mit einem Anteil von 21,7 Prozent liegt die Quote damit mehr als doppelt so hoch wie in der Erwerbsbevölkerung, wo lediglich rund acht Prozent ihr Geld als Selbstständige verdienen.
Zwischen den Fraktionen fallen die Unterschiede deutlich aus. Ihrem Ruf als Stimme der Unternehmer werden vor allem zwei Parteien gerecht: Bei den Freien Wählern ist mit 45,9 Prozent nahezu jeder zweite Abgeordnete selbstständig, dahinter folgt die FDP mit 36,4 Prozent. Auch die AfD liegt mit 31,3 Prozent klar über dem Mittel. Das BSW (28,6 Prozent), die CSU (28,2 Prozent) und die CDU (24,1 Prozent) bewegen sich ebenfalls im oberen Bereich. Spürbar niedriger sind die Werte bei den Grünen mit 15,8 und der SPD mit 12,1 Prozent, während Die Linke mit nur 8,8 Prozent das Feld beschließt.
Noch stärker spreizt sich das Bild zwischen den Bundesländern. An der Spitze steht Bayern, wo 64 der 203 Abgeordneten selbstständig sind, ein Anteil von 31,5 Prozent. Unter ihnen finden sich neben Rechtsanwälten und Landwirten auch Metzgermeister, Gastronomen und zwei Hufschmiede. Es folgen Sachsen mit 29,2 und Brandenburg mit 26,1 Prozent. Das Schlusslicht bildet das Saarland: Dort arbeiteten nur vier der 51 Parlamentarier zuvor selbstständig, was einem Anteil von 7,8 Prozent entspricht. Die bayerische Quote liegt damit rund viermal so hoch wie die saarländische.
Ebenfalls im unteren Bereich rangieren Rheinland-Pfalz mit 11,4 und Hessen mit 13,5 Prozent. Das breite Mittelfeld reicht von Nordrhein-Westfalen mit 22,6 Prozent über Hamburg, Berlin, Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen bis zu Schleswig-Holstein mit 17,4 Prozent.
Tino Keller, Mitgründer und Geschäftsführer von Accountable, wertet die Zahlen grundsätzlich positiv. „Dass mehr als jeder fünfte Landtagsabgeordnete selbstständig ist, ist zunächst einmal eine gute Nachricht. Selbstständigkeit bringt Herausforderungen mit sich, die man oft erst richtig versteht, wenn man sie selbst erlebt hat.“ Wer ein Unternehmen geführt habe, wisse, wie viel Zeit Steuererklärungen, Buchhaltung und bürokratische Pflichten im Alltag beanspruchten.
Zugleich mahnt Keller, dass der Lebenslauf allein wenig über das tatsächliche Engagement aussage. Entscheidend sei, dass die Anliegen der Betroffenen bei Gesetzen zu Bürokratie, Steuern oder Firmengründungen ankämen. „Die Hürden für Selbstständigkeit in Deutschland sollten abgebaut werden. Dafür ist es wichtig, dass die Erfahrungen der Betroffenen auch in der Politik ankommen.“
Grundlage der Analyse waren die offiziellen Abgeordnetenprofile, Lebensläufe und veröffentlichungspflichtigen Angaben der Parlamente, ergänzt durch die Plattform abgeordnetenwatch.de. Als selbstständig erfasst wurden all jene, die bei Mandatsantritt oder unmittelbar davor hauptberuflich auf eigene Rechnung tätig waren. Stichtag war der 12. Oktober 2026.





















