Immer weniger Kinder und Jugendliche in Deutschland erhalten Medikamente gegen seelische Leiden. Das belegen aktuelle Zahlen der KKH Kaufmännische Krankenkasse. Zwar verordneten Ärztinnen und Ärzte im Jahr 2024 rund drei von hundert Sechs- bis 18-Jährigen ein Psychopharmakon – insgesamt ein Anstieg von etwa 18 Prozent gegenüber 2014. Doch der Blick auf die jüngere Entwicklung stimmt zuversichtlich: Seit dem Höchststand während der Pandemie geht der Anteil deutlich zurück.
Seelische Erkrankungen kennen kein Mindestalter. Schon Grundschulkinder können unter Angststörungen, Panikattacken, Depressionen, Überaktivität oder Essstörungen leiden. Die Auslöser sind so verschieden wie die Betroffenen selbst: ein traumatisches Erlebnis in der Familie, Mobbing, dauerhafter Stress, die Wucht globaler Krisen oder eine genetische Veranlagung. Entsprechend individuell muss auch die Behandlung ausfallen.
Besonders markant zeigt sich der Rückgang im Vergleich zur Corona-Zeit. Im Jahr 2021 lag der Anteil betroffener Sechs- bis 18-Jähriger noch gut 34 Prozent höher als 2024. In der Pandemie geriet die seelische Verfassung vieler Kinder durch Lockdowns, geschlossene Kitas und Schulen, Homeschooling und fehlende soziale Kontakte teils dramatisch aus dem Gleichgewicht. Viele Praxen von Kinderärzten und Psychotherapeuten blieben zu, Termine vor Ort waren kaum möglich. Die Daten deuten darauf hin, dass damals häufiger zum Rezept gegriffen wurde – auch, weil die Versorgung an ihre Grenzen stieß.
„Der Rückgang von Heranwachsenden, denen laut unseren Daten psychisch wirksame Medikamente verordnet wurden, ist erfreulich“, sagt KKH-Apotheker Sven Seißelberg. „Da sich Kinder und Jugendliche noch in der Entwicklung befinden und langfristige Auswirkungen je nach Wirkstoff unterschiedlich gut untersucht sind, ist ein gezielter, sorgfältig abgewogener Einsatz von Psychopharmaka besonders wichtig.“
Diese Vorsicht hat einen konkreten Hintergrund. Für Kinder und Jugendliche sind nur wenige entsprechende Präparate überhaupt zugelassen. In der Praxis spielen deshalb sogenannte Off-Label-Anwendungen eine Rolle – also Verordnungen außerhalb des eigentlich zugelassenen Anwendungsgebiets. Für Eltern entsteht dadurch oft ein Dilemma: Auf der einen Seite das eigene Kind, dem es seelisch schlecht geht und das rasch Hilfe braucht. Auf der anderen Seite lange Wartezeiten auf einen leitliniengerechten Therapieplatz.
„Wenn psychotherapeutische Angebote nicht zeitnah verfügbar sind, stehen behandelnde Ärztinnen und Ärzte vor der Herausforderung, betroffene Kinder und Jugendliche dennoch angemessen zu versorgen“, erklärt Seißelberg. Ob Medikamente sinnvoll seien, müsse stets individuell entschieden werden. Wie alle wirksamen Arzneimittel könnten auch Psychopharmaka Nebenwirkungen haben – vom Gewichtszunahme über Herzrhythmusstörungen bis hin zu einer Zunahme suizidaler Gedanken, insbesondere bei Antidepressiva zu Beginn der Therapie. Umso entscheidender seien eine sorgfältige Aufklärung und engmaschige ärztliche Begleitung.
Früh erkannt, lassen sich psychische Erkrankungen in der Regel gut behandeln. Warnsignale können Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Gereiztheit oder Rückzug sein, aber auch Kopf- und Bauchschmerzen ohne körperliche Ursache. Oft stehen psychotherapeutische und familienbezogene Maßnahmen im Vordergrund. Erst bei schwereren Verläufen wird die medizinische Behandlung Teil eines umfassenderen Konzepts. Die KKH setzt dabei verstärkt auf Prävention und bietet gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Präventionsforschung Programme wie DUDE oder MaiStep an, um die psychische Widerstandskraft junger Menschen zu stärken.
Für ihre Auswertung griff die bundesweite Kasse auf anonymisierte Daten von mehr als 234.600 versicherten Sechs- bis 18-Jährigen zurück, die zwischen 2014 und 2024 Psychopharmaka erhielten. Im Jahr 2024 betraf das rund 6.300 Mädchen und Jungen und damit 2,68 Prozent aller versicherten Heranwachsenden bis 18 Jahre.




















